Zu viel
Wann ist Sexualität eigentlich zu viel? Diese Frage habe ich mir unglaublich oft gestellt. Und gleich danach: Wann ist Sexualität überhaupt Sexualität, also Sexualität in dem Sinne, wie die Gesellschaft sie versteht? Wann ist es Nähe, wann Liebe, wann Zärtlichkeit? Wann ist es sich spüren, verschmelzen, Seelenkontakt?
Aus den Erzählungen anderer Menschen kenne ich Sexualität in einer ganz anderen Art, als ich sie selbst empfinde und lebe. In vielen Gesprächen ist sie eher Druckabbau als Sein, eher Stressbewältigung als Nähren, eher Pflicht als Wunsch. Oft ist sie ein Benutzen aus unterschiedlichen Positionen heraus, und oft geht es schnell, schnell zum Orgasmus. Nicht darum, die eigene Erregung bewusst zu spüren, sich mit sich selbst und mit dem Partner oder der Partnerin zu verbinden, den anderen zu riechen, alle Sinne zu bedienen und dabei super sanft, super zärtlich und super liebevoll zu sein. Natürlich kann Sex auch schnell sein und ein Abreagieren. Das ist völlig legitim, dagegen spricht überhaupt nichts, und es kann schön sein. Aber es ist nicht das, was mich primär nährt und erfüllt. Dass ich irgendwie ein wenig anders bin und etwas anderes ersehne, war mir schon in der Jugend bewusst, eigentlich schon vor meinem ersten Mal. Zumindest ist es unterschiedlich zu dem, was die meisten Menschen leben.

Was ich ersehne, ist Verbindung. Für mich ist sexuelle Erregung ein Schlüssel, der eine Tür aufschließt, und zwar zur inneren Welt, zur Seele. Je fokussierter und erregter ein Mensch ist, desto unmaskierter kommt die Wahrheit ans Licht, und die Schönheit der Seele zeigt sich. Im Moment höchster Erregung ist Kongruenz oftmals maximal, und genau das habe ich immer ersehnt. Nun würde man vermuten, dass diese Ebene eher in langjährigen Beziehungen entsteht als in einer flüchtigen Begegnung. In meiner Vergangenheit und nach meiner Erfahrung war das nicht generell so. Ich hatte nur eine einzige Beziehung, die diese emotionale Tiefe tragen konnte, und sie war das schönste Zuhause meines Lebens. Und dennoch hatte ich die tiefste Begegnung in einem kurzen Moment ohne entsprechende Beziehungsebene. Aus meiner Sicht hängt es nicht von der Dauer ab, sondern davon, ob ein Mensch diese Kapazität, diese Tiefe hat. Doch selbst wenn diese Tiefe da war, war ein solches Erlebnis für die Verbindung selten ein Segen. Es war überwältigend, und offensichtlich hat es die Angst, die Verletzlichkeit, das Ego und damit die Kontrolle ins Spiel gebracht. Danach wurde es immer kompliziert, und die Leichtigkeit der Seelenverschmelzung war vorbei. Ich habe nie einen Menschen getroffen, für den der Seelenkontakt oder das Erkennen der Seelen etwas Normales und frei Verfügbares war.
Und genau diese Ebene ist für mich kein schönes Extra, sondern Grundvoraussetzung einer Beziehung. Sie ist das, was ich ersehne, und das noch viel tiefer, als ich es bislang erleben durfte. Für mich ist sie etwas Tägliches, etwas, das immer mitschwingt, und eben auch etwas, das mich und meine Seele beschreibt.
Wenn ich im Freundeskreis oder unter Männern erzähle, wie ich Sexualität fühle und lebe, werde ich oft angeguckt wie ein Außerirdischer. Menschen verdrehen die Augen oder fragen, was Tiefe denn eigentlich bedeuten soll. Ich habe gehört, das sei komisch, und jemand könnte mich deshalb glatt für einen Psychopathen halten. Ich finde das so schade, weil es um eine Sehnsucht nach Nähe geht. Und mir geht es immer und ausschließlich darum, dass alles einvernehmlich ist. Und selbst wenn zwei Menschen einvernehmlich entscheiden, dass es anders läuft, dass es vielleicht hart oder schmerzhaft ist, dann ist das legitim und spannend, denn dann ist es eben auch einvernehmlich. Auch eine völlige Abgabe der Kontrolle und der Macht kann ein Leben lang einvernehmlich sein, auch wenn das vielleicht nur einmal zwischen zwei Menschen geklärt wurde.
In meinen Beziehungen war ich immer bereit, offen darüber zu sprechen. Aber ich habe nie alles preisgegeben, was in mir lebt. Wenn ich schon beim Aussprechen der für mich normalsten Dinge eine Grenze und Ablehnung erfahren habe, fand ich es übergriffig, noch alles andere auf den Tisch zu legen. Und dann habe ich mich selbst verraten. Ich bin geblieben, obwohl ich längst wusste, dass diese Ebene für mich nicht möglich war. Ich bin in mir in die Bitterkeit gefallen, habe es weggeatmet, habe es als Ablehnung empfunden, als Beweis, dass ich zu viel bin, und habe es geschluckt. Das war ein großer Selbstverrat. Und gleichzeitig habe ich mir nichts anmerken lassen. Heute würde ich eine solche Beziehung gar nicht erst eingehen, und wenn ich die Grenze bei fünf Prozent erlebe, würde ich mich trennen. Für mich ist das kein Add-on, es ist mein Leben. Und genau deshalb ist Einvernehmlichkeit für mich unverhandelbar. Nur wenn beide diese Verbindung wollen und brauchen und nicht einer dem anderen einen Gefallen tut, hat es eine Basis. Bevor ich mich wieder verleugne und dimme, bleibe ich lieber allein und bin verfügbar für die Frau, die ebenso empfindet.

Gleichzeitig würde ich niemals einen Menschen bewerten, weil er zu viel Nähe, zu viel Sex oder zu viel Verschmelzung möchte. Und umgekehrt ist es genauso legitim, wenn jemand keinen Sex, keine Körperlichkeit und keine Zärtlichkeit möchte. Auch dieser Mensch hat ein Recht darauf, jemanden zu finden, der genau dazu resoniert. Und das ist doch wundervoll.
Nicht an sich. Die Weltgesundheitsorganisation stuft seit 2022 in der ICD-11 einvernehmliche sexuelle Vorlieben und ein hohes Verlangen nicht als Störung ein. Behandlungsbedürftig wird es erst, wenn jemand die Kontrolle verliert und darunter leidet oder wenn andere ohne ihre Einwilligung einbezogen werden.Ist ein starkes sexuelles Verlangen krankhaft?
Mein Bekenntnis ist: Sexualität, Erregung und die Verbindung zu mir selbst auf dieser Ebene sind bei mir immer da, rund um die Uhr. Ich kann mich entscheiden, das dreißig Tage nicht zu beachten, und das ist überhaupt kein Problem. Ich leide nicht darunter, und es macht mir keinen Druck. Ich habe es ausprobiert, weil ich mir die Frage gestellt habe, ob das eigentlich normal ist. Ich bin also selbst weit davon entfernt, es zu pathologisieren. Es ist ein Teil von mir, und dafür möchte ich mich nicht rechtfertigen, weder vor anderen noch vor mir selbst.

Egal ob du Mann oder Frau bist: Steh zu dir. Du musst dich nicht schämen für das, was in dir lebt. Du darfst selbst entscheiden, wie wichtig dieser Bereich für dich ist, und niemand sonst darf ihn zum Nice-to-have erklären. Du musst es nicht draußen proklamieren. Es reicht, wenn du es mit deiner Partnerin oder deinem Partner besprichst. Und wenn ihr dort keine gemeinsame Ebene habt, darfst du entscheiden, ob das für dich reicht, und die Verantwortung für diese Entscheidung übernehmen. Ob andere das verstehen, spielt keine Rolle. Nur du musst es verstehen.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
