Ich habe in den letzten zwei Jahren eine Sache verstanden: Wir reden viel zu viel und schauen viel zu wenig auf die Tat. Wir öffnen immer wieder einen Raum, um einen schlechten Kompromiss zu finden. Und als Empath bist du in aller Regel derjenige, der diesen Raum öffnet und hält. Das ist dein Preis, und den darfst du dir bewusst machen.

Ich habe das über einen sehr langen Zeitraum immer wieder gespürt, durchlebt und reflektiert. Wer bin ich? Was ist meine eigene Wunde? Und welche Handlung resultiert ausschließlich aus dieser Wunde, nämlich erkannt und gesehen zu werden? In knapp 1000 Tagen habe ich über diese Frage deutlich mehr als 1000 Stunden nachgedacht. Und in mir ist die Erkenntnis gereift, dass nur ich diese Wunde schließen kann. Jemand von außen kann das überhaupt nicht.

Nur ich kann diese Wunde schließen. Jemand von außen kann das überhaupt nicht.

Gerade mit den Menschen, von denen ich mir am meisten gewünscht habe, erkannt zu werden, hatte ich die meisten Diskussionen. Und ich war oft derjenige, der die Tür wieder geöffnet hat, der den Kompromiss eingegangen ist, weil ich Frieden wollte. Ich kann das schultern, ich kann den Raum halten und einen Konsens finden. Aber ich durfte dabei nie auf den Preis gucken, und dieser Preis war Verrat an mir selbst. Seitdem ich ihn mir bewusst mache, frage ich mich, worum es eigentlich geht. Oft hat auch der andere eine Wunde. Manchmal möchte der andere dich weiter in seinem Leben haben, weil du ihm ein gutes Gefühl gibst oder weil er sich durch dich tief erkannt fühlt. Das kann ehrlich gemeint sein und trotzdem bedeuten, dass er dich nicht wirklich wählen kann. Dann geht es nicht mehr um einen Konsens, sondern darum, dass du bleibst. Aber wirst du dann gewählt, oder bist du nur gewollt? Wenn meistens du derjenige bist, der den Raum hält, wird es schnell zur Einbahnstraße. Und wenn niemand im Außen deine eigene Wunde heilen kann, dann kannst du es umgekehrt eben auch nicht.

Deshalb habe ich als Raumhalter entschieden, dass der Laden geschlossen hat. Es gibt Situationen, in denen die Person auf der anderen Seite eben nicht mit dir in Resonanz ist, und das ist völlig okay. Nur muss man deshalb nicht diskutieren, sondern kann es akzeptieren. Im Alltag, in Freundschaften, in Beziehungen, in ganz engen Verbindungen bin ich nicht mehr bereit, diesen Preis zu zahlen. Wer erkannt werden möchte, ist häufig der, der das unpassende Verhalten des anderen oder das Bedürfnis, das aus dessen Wunde kommt, schultern soll. Er soll es vergessen und darüber hinweggehen. Ist doch nicht so schlimm, so bin ich eben. Ja, genau so bist du, und das ist total okay. Genauso okay ist aber, dass ich den Laden geschlossen habe und die Tür nicht mehr aufgeht. Die Tür ist nicht aus Trotz geschlossen. Sie ist geschlossen, weil ich meine Grenzen erkannt habe. Ich sehe mich, ich erkenne mich, und genau das ist die Heilung.

Die Tür ist nicht aus Trotz geschlossen. Sie ist geschlossen, weil ich meine Grenzen erkannt habe.

Warum dreht man sich in Gesprächen über die Beziehung immer wieder im Kreis?

Weil es in solchen Gesprächen oft nicht mehr um einen Konsens geht, sondern darum, die eigene Position durchzusetzen oder die Verbindung am Leben zu halten. Wenn zwei Menschen grundlegend verschieden sind, ändert auch das hundertste Gespräch daran nichts. Dann ist es ehrlicher, die Unterschiede anzuerkennen, statt weiter zu reden.

Ich bin immer positiv und immer nett, das bin ich. Ich entscheide jetzt nur, wo die Tür offen ist und wo sie zu ist. Wir müssen keinen Konsens finden. Es ist legitim, anderer Meinung zu sein und getrennte Wege zu gehen. Oft geht es in Diskussionen gar nicht um Konsens, sondern darum, die eigene Position durchzudrücken, und dafür bin ich mir zu schade. Ich bin offen dafür, meine Sicht zu verändern. Aber nicht dafür, dass jemand anderes mir vorschreibt, was meine Wahrheit zu sein hat.  Jemand im Außen bekommt bei mir nicht die Bühne, um mich zu destabilisieren und mir zu erzählen, was meine Wahrheit ist. Früher war das anders, weil ich gefallen wollte. Ich hatte den Laden rund um die Uhr geöffnet, hatte keinen Wachposten an der Tür und habe jeden reingelassen. Ich war das Chamäleon, das um elf Uhr mit dem Maurer auf Augenhöhe spricht und eine Stunde später beim Ärztekongress. Das ist eine Stärke. Aber wenn ich mich dabei vergesse, wird es zur Schwäche. Das zu erkennen und mir einzugestehen, ist keine Schwäche, sondern etwas, das mich weiterbringt.

Ich bin offen dafür, meine Sicht zu verändern. Aber nicht dafür, dass jemand mir vorschreibt, was meine Wahrheit zu sein hat.

Das Ergebnis: Ich bin so allein wie nie. Es ist still in meinem Leben, und ich bin zufrieden wie nie. Ich habe fast keinen Freundeskreis mehr, weil ich sortiert habe. Aber ich habe Energie für Dinge, für die ich früher keine Energie hatte. Ich mache die Tür nur noch für Menschen auf, die mich sehen und die mich wählen. Wer mich nur will, weil ich ein gutes Gefühl gebe oder ein guter Gesprächspartner bin, mit dem kann ich gerne mal einen Abend verbringen. Aber nett ist eben manchmal die kleine, hässliche Schwester von Ehrlichkeit und Kongruenz. Irgendwann wird jemand kommen, der mich sieht. Ich brauche das nicht, und ob es heute, morgen oder übermorgen ist, spielt für mich keine Rolle. Ich werde nie wieder der sein, der den Raum aufmacht und hält, nur damit jemand anderes bekommt, was er will, ohne mich zu wählen.

So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.

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Ich bin Maik Thomas.
Ich schreibe, um ehrlich zu sein – mit mir und mit dir.
Nicht als Coach, nicht als Experte. Sondern als jemand, der seinen Weg geht
und dabei gelernt hat, dass Freiheit innen beginnt.
Meine Texte entstehen nicht aus Theorie,
sondern aus Erfahrung, aus Stille, aus Klarheit.
Wenn etwas in dir schwingt, ist es vielleicht kein Zufall.

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