Im 13. Jahrhundert hat ein Mönch etwas gelehrt, wofür die Kirche ihn verurteilt hat, und ich sitze hier und denke mir, dass ich verstehe, was er gemeint hat. Meister Eckhart hat gesagt, dass der Mensch sich so vollständig entleeren muss, dass nichts Eigenes mehr übrig bleibt, und dass erst dann etwas eintreten kann, das größer ist als das Ich. Er hat das die Geburt Gottes in der Seele genannt, und die Kirche hat Ketzerei daraus gemacht, weil Vereinigung ohne Unterschied bedeutet, dass es kein Oben und Unten mehr gibt und sich die ganze Hierarchie auflöst.
Gewollt wirst du für das, was du gibst, trägst und möglich machst. Gewählt wirst du für das, was du bist, in tiefster Tiefe gesehen, mit allem, was in dir lebt. Gedanken, Neigungen, Fantasien. Der Unterschied entscheidet über deine Beziehungen. Und damit dich jemand wählen kann, musst du zuerst zeigen, wer du wirklich bist. Ohne Rechtfertigung, ohne Entschuldigung.Was bedeutet es, gewollt, aber nicht gewählt zu werden?
Ich bin kein Mönch, aber ich glaube, dass ich weiß, wovon er spricht. Nicht aus Büchern. Aus meinem Leben.

Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren so viel abgelegt, dass ich manchmal selbst nicht glauben kann, dass ich noch derselbe Mensch bin. Selbstzweifel, unfassbar viele Kontakte, Freundschaften, Geschäftsbeziehungen, Partnerschaften. Ich bin so allein wie nie zuvor und gleichzeitig so klar wie nie zuvor. Und ich habe mich mit dem beschäftigt, was wahrscheinlich mein größtes Thema ist, nämlich dass ich mich dimme und hinten anstelle und kleiner mache, als ich bin, und daran arbeite ich jeden einzelnen Tag. Was dabei jetzt nach außen kommt, ist nicht irgendein neuer Maik, sondern genau das, was ich immer schon gesehen und empfunden habe und was vorher einfach nicht rausgekommen ist.
Eckhart hat das Abgeschiedenheit genannt und über alles andere gestellt, sogar über die Liebe, weil alles andere noch etwas festhält. Was ich loslasse, ist das, was wir heute Ego nennen. Die Schutzfunktion. Die Angst, zu viel zu sein und damit nicht mehr gewollt zu werden.
Zu Beginn meiner Reise habe ich ein Jahr lang jeden Tag meditiert, ohne eine einzige Ausnahme, und innerhalb weniger Wochen ist etwas passiert, das ich nicht erwartet hatte. Das, was vorher Einsamkeit war, hat sich in Stille verwandelt. Es war nicht ein anderer Raum, es war derselbe Raum, nur leer geräumt. Und in dieser Stille war zum ersten Mal Platz für das, was eigentlich da ist.

Was eigentlich da ist, lebt im Körper. Eckhart hat gesagt, die Seele ohne den Körper wäre ein halber Mensch, und ich glaube, das ist einer der ehrlichsten Sätze, die ein Mönch im 13. Jahrhundert sagen konnte. Für mich ist die Verschmelzung mit einem anderen Menschen pure Energie. Nicht Trieb, nicht Wunsch. Etwas, das reinigt und fokussiert und verbindet und das tiefste Seelenarbeit ist und gleichzeitig Ausdruck von allem, was ich empfinde. Und ich würde nicht von täglich sprechen, sondern von dauerhaft, weil das etwas anderes ist. Der Körper ist der Ort, an dem Wahrheit stattfindet, weil er nicht lügen kann.
Ich habe mich an genau dieser Stelle sehr lange zurückgenommen, und damit ist es vorbei. Ein Leben in einer Beziehung, in der meine Partnerin und ich diesen Bereich nicht wirklich gleich empfinden und gleich leben wollen und gleich daraus genährt werden, kann ich nicht mehr führen, weil ich sonst ein halber Mensch bin und energetisch leer laufe.
Und was ich mir wünsche, geht weiter als die meisten bereit sind zu denken. Ich möchte meiner Partnerin die Sterne vom Himmel holen und mich für sie aufopfern, ohne mich dabei zu vergessen, und ich möchte ihr alle Sehnsüchte und alle Träume und alle Gedanken erfüllen, und ich meine das grenzenlos und absolut. Aber ich wünsche mir genau dasselbe zurück, weil Liebe für mich dort anfängt, wo zwei Menschen bereit sind, den anderen in tiefster Tiefe zu sehen und alles, was in ihm ist, zuzulassen. Alles darf da sein. Gedanken, Neigungen, Fantasien. Ohne Rechtfertigung und ohne Entschuldigung. Ob du das dann in der Realität auslebst, ist noch mal eine andere Frage, aber ganz grundsätzlich darf alles da sein, und ich möchte auch alles teilen. Und ich glaube, dass nur in dieser gegenseitigen Bereitschaft, den anderen wirklich zu sehen und ihm alles zu ermöglichen, eine tiefe seelische Verbindung möglich ist.

Die Psychologie würde das pathologisieren. Zu viel, zu tief, zu grenzenlos. Und mir ist das vollkommen egal, weil alles andere mich nicht glücklich gemacht hat. Alles andere hat dazu geführt, dass ich benutzt wurde, gewollt aber nicht gewählt, und dafür bin ich mir zu schade. Ich möchte nicht mehr gewollt werden, ich möchte gewählt werden, und damit mich jemand wählen kann, möchte ich genau zeigen, wer ich bin.
Eckhart hat gelehrt, dass der Mensch, wenn er sich ganz lässt, so eins wird mit dem Göttlichen, dass kein Unterschied mehr besteht. Ich glaube, dass genau das zwischen zwei Menschen möglich ist. Nicht als Ausnahme, nicht als Höhepunkt, sondern als Lebensform. Wenn wir das Ego hinter uns lassen und vollkommen ins Sein kommen, dann ist wirklicher Dienst erst möglich, und dann können wir frei sein, und dann können wir ein Wir erschaffen, das größer ist als beide Ich.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
