In mir gab es sehr lange Zeit die Vorstellung, dass ein Mensch, der seinen Weg gefunden hat, nicht mehr wackelt und schon längst nicht mehr stolpert. Dass Klarheit ein Zustand ist, den man erreicht und dann behält wie eine Trophäe im Regal. Dass jemand, der weiß, wer er ist, nicht mehr ins Zweifeln gerät. Zumindest war das in mir ein Wunschszenario.

Aber genau das ist eine der schönsten Lügen, die wir uns erzählen.

Ich wackle. Regelmäßig. Es gibt Tage, an denen ich morgens aufstehe und genau weiß, wer ich bin und wohin ich gehe. Und es gibt Tage, an denen ich aufwache und alles in Frage stelle. An denen ich mich frage, ob das, was ich tue, reicht. Ob das, was ich bin, reicht. Ob der Weg, den ich gehe, irgendwohin führt oder ob ich mir etwas vormache.

Kongruenz ist keine gerade Linie. Sie ist die Summe aller Momente, in denen du dich entschieden hast, nicht wegzulaufen.

Und genau das ist der Punkt, den die meisten nicht sehen wollen. Kongruenz ist kein Ergebnis. Sie ist kein Moment der Erleuchtung, nach dem alles leicht wird. Sie ist eine Praxis. Eine tägliche Entscheidung, bei der niemand applaudiert und die sich an manchen Tagen anfühlt wie das Schwerste überhaupt. Nicht weil der Weg falsch ist, sondern weil Wackeln zum Weg gehört und niemand dir das vorher sagt.

Ich habe in meinen ersten 47 Lebensjahren Phasen gehabt, in denen ich so weit weg war von dem, was ich eigentlich bin, dass ich mich selbst nicht mehr erkannt habe. Nicht im Spiegel und nicht in meinen Entscheidungen. Ich habe Dinge getan, von denen ich wusste, dass sie nicht stimmen. Ich habe Ja gesagt, wo mein Körper Nein gesagt hat. Ich habe mich kleiner gemacht, als ich bin, damit andere sich nicht unwohl fühlen. Und ich habe mir eingeredet, dass das Reife sei. Rücksichtnahme. Erwachsensein. Es war nichts davon. Es war Verrat an mir selbst. Immer in der Hoffnung, dass mich jemand so sieht, wie ich selbst auf die Welt und die Menschen blicke. 47 Jahre war ich der Meinung, dass alle Menschen eine identische Wahrnehmung haben. Irgendwann habe ich aufgehört zu kämpfen. Nicht weil ich aufgegeben habe, sondern weil ich verstanden habe, dass der Kampf gegen mich selbst der einzige war, den ich nie gewinnen konnte.

Ein Rückschlag ist kein Beweis dafür, dass du auf dem falschen Weg bist. Er ist ein Beweis dafür, dass du auf einem Weg bist.

Wenn es etwas gibt, was fast alle von uns nicht zeigen wollen, dann sind das Rückschläge. Wir behandeln sie wie Versagen. Wie einen Fehler im System. Wie etwas, das nicht hätte passieren dürfen, wenn wir nur besser vorbereitet gewesen wären. Aber die Wahrheit ist viel einfacher und gleichzeitig unbequemer: Wer nicht wackelt, bewegt sich nicht. Wer nicht fällt, geht nicht weit genug. Wer nie an sich zweifelt, hat sich noch nie wirklich gefragt, wer er ist.

Ich habe gewackelt. Oft. Und ich werde wieder wackeln. Das weiß ich heute mit einer Sicherheit, die mich nicht mehr erschreckt. Weil ich verstanden habe, dass das Wackeln nicht das Gegenteil von Kongruenz ist. Es ist ihr Preis. Die Frage war nie, ob ich falle. Die Frage war immer nur, ob ich liegenbleibe. Ich bin nicht liegengeblieben. Nicht ein einziges Mal. Und ich habe ehrlich gesagt auch nie geglaubt, dass ich liegenbleibe. Schon immer gab es ein Grundvertrauen in mir, eine Vorahnung fast, die alles vorausgesagt hat, was in meinem Leben dann auch passiert ist. Das dafür gesorgt hat, dass alles Realität werden konnte. Ich bin nicht fertig. Aber ich bin echt. Das war immer so. Und das wird so bleiben.

Kontinuität ist nicht die Abwesenheit von Zweifeln. Es ist die Anwesenheit einer Entscheidung, die größer ist als jeder Zweifel.

Und vielleicht ist es genau das, was Stärke wirklich bedeutet. Nicht die Abwesenheit von Schwäche. Nicht das makellose Durchziehen ohne Wanken. Sondern das immer wieder Aufstehen. Der Glaube an die innerste Wahrheit. Der Glaube an dich selbst. Und damit das immer wieder Zurückkehren zu dem, was man als wahr erkannt hat. Auch wenn der Körper müde ist. Auch wenn der Kopf zweifelt. Auch wenn niemand zusieht. Denn die letzten Meter sind die einsamsten. Ich habe nie aufgehört. Ich habe nur gewackelt. Und gleichzeitig habe ich gelitten, weil die Menschen um mich herum nie ertragen konnten, dass ich wackle, dass ich zweifle, dass sie glaubten, dass ich nicht weiß, wo mein Platz ist. Aber ich habe es immer gewusst.

So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.

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Ich bin Maik Thomas.
Ich schreibe, um ehrlich zu sein – mit mir und mit dir.
Nicht als Coach, nicht als Experte. Sondern als jemand, der seinen Weg geht
und dabei gelernt hat, dass Freiheit innen beginnt.
Meine Texte entstehen nicht aus Theorie,
sondern aus Erfahrung, aus Stille, aus Klarheit.
Wenn etwas in dir schwingt, ist es vielleicht kein Zufall.

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