Es gibt Menschen, die werden für ihr Geben bewundert. Die immer da sind. Die immer spüren, was der andere braucht. Die den Raum halten, den Tisch decken, die richtigen Worte finden, bevor jemand darum bittet. Und alle sagen: Was für ein besonderer Mensch. Was für ein großes Herz. Was für eine Gabe.

Ich erinnere mich an einen Moment vor einigen Monaten. Da habe ich auf einem sehr herzlichen Geschenk an mich lesen dürfen: „Der Traum aller Frauen.“ Und ich habe mich natürlich darüber gefreut und gleichzeitig gewusst, dass das überhaupt nicht stimmt. Denn dieser Traum ist nur so lange existent, bis jemand auch mich sieht. Und da ist der Blickwinkel, der aus einem Traummann eine Zumutung macht.

Denn niemand fragt: Was bekommst du eigentlich zurück?

Ich war dieser Mensch und bin dieser Mensch in Teilen immer noch. Denn ich bin genau so und es ist mein tiefstes Sein. 49 Jahre schon. Ich habe gegeben, ohne zu zählen. Ich habe zugehört, ohne zu unterbrechen. Ich habe gehalten, ohne zu wanken. Und ich habe mir eingeredet, dass das Liebe sei. Dass das Stärke sei. Dass ein Mensch, der so tief geben kann, nichts braucht, weil das Geben selbst ihn nährt. Heute differenziere ich, wann und wo ich bedingungslos und ohne Limit gebe. Wo ich den Raum halte und wo nicht.

Wer immer gibt, muss nie empfangen. Und wer nie empfängt, muss sich nie verletzlich zeigen.

Denn dieses Geben ist die Lüge, die sich am besten versteckt. Weil sie aussieht wie Tugend. Weil niemand den Gebenden fragt, ob er vielleicht gibt, um nicht nehmen zu müssen. Weil Geben in unserer Welt als edel gilt und Brauchen als schwach. Und so wird das Geben zur perfekten Rüstung. Du stehst mitten im Leben, umgeben von Menschen, die dich bewundern, und niemand kommt dir zu nahe. Weil du immer zuerst da bist. Weil du den Raum so lückenlos füllst, dass kein Mensch eine Chance hat, dir etwas zu geben. Nicht weil sie nicht wollen. Weil du keinen Platz dafür lässt.

Ich habe das jahrzehntelang nicht gesehen. Ich habe Frauen geliebt und ihnen alles gegeben und mich gewundert, warum nichts zurückkam. Ich habe in Freundschaften gehalten und getragen und mich gefragt, warum ich mich trotzdem einsam fühle. Ich habe in der Arbeit mitgedacht, mitverantwortet, mitgefühlt und mich gewundert, warum es sich anfühlt, als würde mich niemand sehen. Die Antwort war so einfach, dass ich sie nicht ertragen konnte: Ich habe es ihnen unmöglich gemacht. Mein Geben war so vollständig, dass es den anderen die Möglichkeit genommen hat, selbst zu geben.

Und gleichzeitig weiß ich, auf welchem Level und in welcher Tiefe meine Sehnsucht schwingt. Ich konnte nehmen und kann nehmen. Aber wenn ich wusste, dass die Tiefe gemeinsam nicht möglich ist, habe ich den Raum gehalten und blockiert. Ich habe damit unbewusst den Kollaps der Verbindung verhindert und mich und sie geschützt. In Beziehungen war das so und auch in Freundschaften. Es ist die schmerzhafteste Erkenntnis auf meinem Weg gewesen. Zu erkennen, welchen Schmerz ich dadurch in die Welt gebracht habe.

Und es wäre einfach zu sagen, ich hätte geschwiegen. Aber ich habe gesprochen. Ich habe in Beziehungen gesagt, was ich begehre. Ich habe gesagt, welches Verhalten mich kränkt, welches mir Schmerzen bereitet, welche Vorlieben ich habe. Und nie, wirklich niemals in meinem Leben, konnte das integriert werden. Niemals. Und ich sage das ohne Bitterkeit. Ich sage es mit Liebe und mit ganz viel Respekt. Denn ich weiß, wie tief ich gehen möchte und wie überfordernd ich emotional sein kann. Und gleichzeitig beinhaltet diese Erkenntnis trotz allen Schmerzes auch, dass es für diese gemeinsame Tiefe nicht reichte. Dass Liebe nicht reichen kann, wenn es an Resonanz fehlt. Das ist hart. Das ist schmerzhaft. Aber das ist die Wahrheit, und die Wahrheit braucht keine Rechtfertigung. Die Wahrheit braucht Anerkennung, um zu wachsen.

Empfangen ist nicht Schwäche. Es ist der Mut, sichtbar zu brauchen.

Ich habe also gegeben und es hat nicht gereicht. Ich habe gesprochen und es hat nicht gereicht. Und irgendwann habe ich verstanden, dass beides nicht reichen konnte, weil die Reihenfolge falsch war. Ich habe immer geglaubt, Geben sei meine Natur. Und das stimmt auch. Aber ich habe das Geben benutzt, um meine eigentliche Natur zu verdecken. Die Wahrheit ist: Ich bin gebaut zu empfangen. Nicht statt zu geben. Aber zuerst. Mein System ist darauf ausgelegt, dass etwas kommt, bevor ich es verwandle und weitergebe. Ohne dieses Kommen bin ich die Erde ohne Regen. Hart. Trocken. Fruchtbar im Potenzial, aber leer in der Realität.

49 Jahre habe ich die Reihenfolge verdreht. Erst geben. Dann hoffen, dass etwas zurückkommt. Und wenn nichts kam, noch mehr geben. Und noch mehr hoffen. Und irgendwann aufhören zu hoffen und trotzdem weitergeben. Weil ich nichts anderes kannte.

Wenn ich heute auf mein Leben schaue, dann bin ich angekommen in mir. Ich bin bewusst wie nie, und dennoch wird die Lebensreise nie zu Ende sein. Es ist genau das, was mich erfüllt. Der emotionale Abstieg in Gebiete, die tiefer liegen als der Marianengraben. Schon beim Aufwachen gehen meine Gedanken bis zum Mond und zurück. Stets voller Liebe, einem seligen Lächeln im Gesicht und dem Urvertrauen, dass dieses emotionale Gleiten durchs Universum mein Zuhause ist und mein Zuhause gleichzeitig immer realer werden lässt. Und genau diese Tiefe ist fast allen Menschen zu viel. Und macht vielen Menschen auch Angst. Angst, weil es unsicher scheint, weil es jeden Tag weitergeht und weil es immer neue Fragen bringt. Fragen, die mich tief erfüllen und die meisten Menschen einfach belasten. Aber belasten möchte ich nicht.

Geben ohne Empfangen ist kein Kreislauf. Es ist ein Leck.

Und gleichzeitig weiß ich heute nur durch dieses Tieftauchen: Mein Geben war nie das Problem. Es war die Reihenfolge. Zuerst empfangen. Zuerst spüren, ob etwas kommt. Zuerst warten, ob der andere von sich aus gibt, bevor ich den Raum fülle. Und wenn nichts kommt, dann nicht trotzdem geben, sondern gehen. Nicht aus Härte. Aus Wahrheit. Weil eine Verbindung, in der nur einer gibt, keine Verbindung ist. Sie ist ein Leck, durch das deine ganze Kraft abfließt, während du dir einredest, du bräuchtest ja nichts.

Diese Erkenntnis hat mein Leben verändert. 95% aller Menschen sind aus meinem Leben verschwunden. Geschäftliche Verbindungen haben sich gewandelt, und gleichzeitig habe ich jede Beliebigkeit ohne große innere Zweifel ausziehen lassen. Und durch das tiefe Bewusstsein für mein Sein hat sich die Freiheit gezeigt, die ich immer ersehnt habe. Ein Date, eine Freundschaft oder eine Beziehung in alter Konstellation wird es nie wieder geben.

Denn ich brauche. Ich brauche gesehen zu werden. Berührt zu werden. Genährt zu werden. Ich brauche tägliche Tiefe. Ich brauche eine Seelenverbindung. Ich brauche Abgründe. Und ich werde mich nie wieder dafür schämen.

So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.

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Ich bin Maik Thomas.
Ich schreibe, um ehrlich zu sein – mit mir und mit dir.
Nicht als Coach, nicht als Experte. Sondern als jemand, der seinen Weg geht
und dabei gelernt hat, dass Freiheit innen beginnt.
Meine Texte entstehen nicht aus Theorie,
sondern aus Erfahrung, aus Stille, aus Klarheit.
Wenn etwas in dir schwingt, ist es vielleicht kein Zufall.

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