Hingabefähigkeit bedeutet für mich nicht, sich dem Partner hinzugeben, der Partnerin hinzugeben. Hingabefähigkeit ist ausschließlich die Hingabe an das eigene Sein. Es ist etwas, das vollständig in dir passiert. Du kannst es im Außen mit deinem Körper ausdrücken, mit deinem Verhalten, mit dem, was du dem Partner gibst, aber der Ursprung ist immer das, was du im Innersten ersehnst, was du bist und was du dir selbst erlaubst. Es hat gar nichts damit zu tun, was der Partner sich wünscht und dass du dich dem hingibst. Es bedeutet ausschließlich, dass du das, was du im Innersten ersehnst, im Außen zulassen kannst.
Die Richtung. Du gibst dich auf, wenn du etwas für den Partner tust, das nicht deiner innersten Wahrheit entspricht, aus Angst, ihn zu verlieren. Du gibst dich hin, wenn du dein eigenes Sein im Außen zulässt. Dein Körper kennt den Unterschied genau: Selbstaufgabe hinterlässt Müdigkeit und Leere. Hingabe macht dich energiegeladener und erfüllter. Dieses Gefühl lügt nicht.Was ist der Unterschied zwischen Hingabe und Selbstaufgabe?

Und genau hier liegt der Unterschied zwischen Aufgeben und Hingeben. Du gibst dich auf, wenn du dich deinem Partner hingibst und es nicht deiner innersten Wahrheit entspricht und du es machst, um ihn nicht zu verlieren. Hingabe dagegen richtet sich an dich selbst. Du gibst dich hin, weil du dein Sein im Außen zulässt. Dass das möglicherweise dem tiefsten Wunsch deines Partners entspricht, ist Resonanz. Es ist, wenn ihr gleich schwingt und die gleiche Wahrheit ausdrücken wollt.
Im Körper fühlt sich der Unterschied eindeutig an. Wenn du dich aufgibst, wirst du danach immer eine Müdigkeit spüren, einen Energieverlust, du wirst dich leerer fühlen als vorher. Und wenn du dich hingibst und dein Sein lebst, wenn du das, was du dir seelisch und körperlich ersehnst, im Außen zulässt, dann wirst du dich energiegeladener und erfüllter fühlen. Das ist der Unterschied, und er lügt nicht.
Ob jemand hingabefähig ist, erkenne ich daran, ob das, was ich als seine innerste Wahrheit fühle, sich im Außen kongruent abzeichnet. Wenn das nicht so ist, dann ist es ein sicheres Zeichen dafür, dass an dieser Stelle Kontrolle ausgeübt wird, um sich zu schützen, um nicht das zu erleben, was man eigentlich ersehnt. Man versucht, in einem Bereich zu bleiben, den man kennt und überschauen kann, und verhindert damit gleichzeitig, dass das, was man am tiefsten ersehnt, Wirklichkeit werden kann.
Und da kommen die beiden Formen des Egos ins Spiel. Das laute Ego kennen wir alle. Es ist polterig, es hält den anderen auf Distanz, es verschiebt die Verantwortung nach außen, und es verhindert die Hingabe auf eine Art, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Das ist sichtbar und plakativer, und wir erkennen es sofort.

Das leise Ego aber macht genau dasselbe, nur anders verpackt. Du dimmst dich, du verbiegst dich, du machst dich kleiner, du verleugnest dich. Das sieht nach außen total gebend aus und ist durchaus beliebt, weil du anpassungsfähig bist, über deine Grenzen gehst, für andere da bist. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Du verhinderst, dass du deine innerste Wahrheit im Außen kongruent leben kannst. Es sieht nur schöner aus.
Und das leise Ego ist das gefährlichere von beiden, weil es sich so gut anfühlt für alle Beteiligten. Genau da war ich extrem zu Hause. Ich habe mich gedimmt, ich habe übernommen, ich habe mich verleugnet, und ich hätte geschworen, dass ich gar kein Ego habe. Zu erkennen, dass mein Ego nur leise war und nicht laut, und dass das, was so positiv aussah, in Wahrheit das gleiche Problem war, nur anders verpackt, das hat alles verändert. Es ist der größte Gamechanger der letzten Jahre gewesen.
Es gab eine Situation, die in meinem Leben immer wieder aufgetaucht ist, in Geschäftsbeziehungen, in Freundschaften, in Liebesbeziehungen. Ich konnte immer fühlen, was richtig ist und was falsch ist. Ich wusste, wo der richtige Kurs liegt und dass wir uns im Kreis drehen. Aber ich habe die Fresse gehalten, weil ich nicht gefragt wurde, und das war als Wahrheit immer in mir da, dass ich eingeladen werden möchte, bevor ich spreche. Das ist auch nicht falsch. Was falsch war, ist, dass ich in Kontakten geblieben bin, in denen diese Einladung nie kam. Nicht vorhandene Resonanz habe ich erduldet, weil ich mich nicht abgrenzen wollte, weil ich nicht sagen wollte, lass gut sein, du gehst deinen Weg und ich gehe meinen. Aus Angst vor Ablehnung, aus Angst, diese Freundschaft, diese Beziehung zu verlieren, habe ich mich versteckt und das Steuerrad überlassen, obwohl ich wusste, dass der Kurs falsch ist. Und dann, wenn es wirklich nicht mehr ging, wenn eine Gefahrensituation da war, bin ich reingegrätscht, und alle haben sich gewundert, was hat er denn jetzt. Und viele haben mir gesagt, du musst einfach den Mund aufmachen. Aber das ist nicht meine Wahrheit. Meine Wahrheit ist anders: Ich möchte eingeladen werden. Also eingeladen werden zu sprechen. Eingeladen zu werden meine Meinung zu äußern. Und das nicht aus Devotion, sondern weil ich weiß wer ich bin. Und wenn die Einladung nicht kommt, ist die richtige Antwort nicht, lauter zu werden, sondern zu gehen.
Und wenn in einer Beziehung nur einer von beiden hingabefähig ist, wird es nie glücklich werden können, weil mindestens einer sich nicht kongruent verhält. Der andere wird es entweder mit einem lauten Ego bewerten oder er wird es halten und retten wollen. Und beides ist nicht lösbar, weil du das nur in dir lösen kannst. Und nur wenn beide das, was in ihrer seelischen Wahrheit liegt, auch wirklich leben, wird ein Wir entstehen können, das größer ist als das jeweilige Ich.
Mein eigenes Ego ist gestorben, als mir bewusst wurde, dass ich mit meinem Dimmen und meinem Ich-kann-alles-tragen und meinem Ich-stell-mich-hinten-an in jeder Beziehung, in jeder Freundschaft, in jedem Kontakt Verursacher und Teil der Situation war. Und es ist kein Schalter, den du einfach umlegst, sondern eine endlose Treppe, an der du Tag für Tag arbeiten musst. Aber wenn du bereit bist, hinzuschauen, und bereit bist, den Schmerz zu ertragen, dass dein altes Selbstbild nicht tragfähig war und niemals tragfähig war, dann gibt es eine Chance, dass du in dir Zufriedenheit empfinden kannst. Und erst dann ist die Tür da, um mit einem Partner ein Wir zu erschaffen, das größer ist als beide Ich.

Solange der Ego-Tod nur gespielt wird und nicht wirklich eingetreten ist, kannst du Hingabe nur spielen. Und gespielte Hingabe führt immer dazu, dass du dich leer fühlst und nicht erfüllt. Es geht dann nur in Momenten, und es wird dich wieder einholen.
Wenn ich an meine zweite Lebenshälfte denke, an das, was auf mich wartet, dann werde ich nur noch eine Beziehung führen mit einem Menschen, bei dem Hingabefähigkeit vollständig vorhanden ist, weil nur dann werden wir Marianengraben und Mount Everest gleichzeitig bereisen können. Dieses maximale Delta an Tiefe ist das, was ich immer ersehnt habe, und ich werde das nie wieder in meinem Leben verleugnen. Und wenn das bedeutet, dass ich allein bleiben werde, dann ist das im Außen so. Im Innen bin ich aber nicht allein, weil ich habe mich und ich bin mir selbst genug. Und genau diese Tatsache macht mich frei.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
