Ich glaube, dass wir Menschen in ihrer Tiefe unterscheiden müssen. Nicht in besser oder schlechter. Nicht in richtig oder falsch. Aber in unterschiedlich. Es gibt Pfützen und Gartenteiche und Seen und Meere und Ozeane, und alle haben ihre Berechtigung, aber sie resonieren nur mit ihresgleichen.
Wenn ein Teich in einen Ozean fällt, will er immer ans Ufer zurück. Er kann nicht in die Tiefe, weil er sie nicht erfassen kann, weil alles in ihm nach Begrenzung schreit, nach einem Rand, an dem er sich festhalten kann. Das ist nicht seine Schuld, es ist seine Natur. Aber es bedeutet, dass zwei Menschen, die gemeinsam durchs Leben gehen wollen, in einer ähnlichen Tiefe unterwegs sein müssen. Ein Ozean braucht einen Ozean an seiner Seite. Kleine Unterschiede darf es geben, ein See und ein Meer können sich finden, aber eine Pfütze und ein Ozean passen nicht zusammen, und kein guter Wille der Welt ändert daran etwas.
Und diese Tiefe zeigt sich nirgends deutlicher als in der Frage, wie weit wir bereit sind zu gehen. In der Hingabe. In der Grenzenlosigkeit. In dem, was die Gesellschaft mit Kontrollverlust gleichsetzt und was ich für das genaue Gegenteil halte.

Hörigkeit als höchstes Vertrauen
Hörigkeit ist gesellschaftlich eines der am negativsten besetzten Worte, die es in der Sprache der Liebe gibt. Für mich ist es eines der schönsten. Denn was steckt wirklich in diesem Wunsch, wenn man ihn von allem befreit, was die Angst hineinprojiziert? Der Satz: Ich wünsche mir, abhängig von dir zu sein. Ich vertraue dir so sehr und vertraue mir so sehr, dass ich mich darauf einlassen kann. Das ist maximal groß, und es ist extrem selten.
Sich mit einem Partner vollständiger zu fühlen ist kein Defizit. Es ist eine Entscheidung für ein Wir, das größer ist als jedes Ich. Wer sich davor schützt, schützt sich vor etwas, das er sich eigentlich zutiefst ersehnt, und bezahlt die Beliebigkeit, die übrig bleibt, mit seiner Tiefe.
Verschmelzung gehört für mich zum Normalzustand einer Beziehung, nicht zum Ausnahmezustand. Endloser Sex, nicht im Rausch des Triebes, sondern im Rausch des Seins. In der Nähe, in der Tiefe, im Wir. Nicht als Eskalation, sondern als Zuhause. Eng und enger einschlafen und so wieder aufwachen. Jede Nacht. Die meisten Menschen haben Angst davor, weil es Kontrollverlust bedeutet, weil sie aus dieser Schleife wieder raus müssten. Aber ich möchte in dieser Schleife heimkommen. Das ist meine Vorstellung von zu Hause.

Alleine stehen können
Und jetzt der Punkt, der alles trägt und ohne den das Vorherige naiv klingen würde: Diese Grenzenlosigkeit kann nur geben, wer alleine stehen kann.
Im Flugzeug heißt es: Im Falle eines Druckabfalls setzen Sie sich zuerst die Atemmaske auf und kümmern sich erst dann um die anderen. Das ist die Basis von allem. Dass ich stehe. Dass ich klar bin. Dass ich geradeaus laufen kann. Dass ich souverän bin. Das steht völlig außer Frage, und es ist kein Widerspruch zur Hingabe, sondern ihre Voraussetzung. Denn es geht hier nicht darum, sich selbst zu vergessen. Es geht darum, sich bewusst zu entscheiden und zu sagen: Ich bin mir selbst so viel, dass ich dir alles geben kann, weil in mir die Fülle ist, weil in mir mehr entsteht dadurch, weil es mich erfüllt, wenn ich dir die Sterne vom Himmel hole.
Das ist kein zwanghaftes Verhalten. Es ist eine bewusste Entscheidung für das, was ich persönlich schön finde. Mich erfüllt es, meiner Partnerin alles zu geben. Nicht nur sexuell, sondern in allen Lebensbereichen. Was sie sich ersehnt, will ich ermöglichen. Und zwar nicht aus Pflicht und nicht aus Angst, sie zu verlieren, sondern weil es mein natürlicher Zustand ist, aus Fülle heraus zu geben. Das ist meine Vorstellung von einem Wir.
Und natürlich kann eine Beziehung auseinandergehen. Natürlich kann ein Schicksalsschlag alles beenden. Aber deswegen möchte ich doch nicht verzichten. Ich möchte mich doch nicht davor schützen, etwas zu erleben, das ich zutiefst ersehne, nur weil es wieder weg sein könnte. Genau dafür muss ich alleine stehen können. Nicht als Absicherung gegen das Scheitern, sondern als Fundament, von dem aus ich mich fallen lassen kann, weil ich weiß, dass ich auch alleine wieder aufstehe. Wer aus Stärke gibt, kann grenzenlos geben. Wer aus Angst zurückhält, verliert genau das, was er schützen wollte.
Kontrolle zerstört, was sie schützen soll
Zu Hause möchte ich mich sicher fühlen. Ich möchte mich in den Armen meiner Partnerin völlig hingeben können, ohne die Lauscher aufzusperren, ohne auf der Hut zu sein, ohne einen Teil von mir in Reserve zu halten. Und ich habe erlebt, dass viele Menschen genau das Gegenteil tun. Sie bauen Schutzsysteme auf, erzählen sich Geschichten über ihre Grenzen, und merken nicht, dass genau dieses Schutzsystem der größte Feind ihrer Hingabe ist.
Kontrolle in einer Beziehung fühlt sich an wie Sicherheit, aber sie funktioniert wie ein Käfig: Man ist geschützt, aber man kann nicht fliegen. Und das Tragische daran ist, dass die Kontrolle genau das zerstört, was sie schützen soll. Sie schützt vor Verletzung, indem sie Tiefe verhindert. Aber ohne Tiefe gibt es nichts, das sich zu schützen lohnt.
Und ich beobachte etwas, das mich immer wieder erstaunt: Viele Menschen geben in der Beliebigkeit mehr als in der Liebe. In flüchtigen Begegnungen, die sie leerer zurücklassen als sie sie vorgefunden haben, fallen die Hemmungen, weil nichts auf dem Spiel steht. Aber sobald der richtige Mensch vor ihnen steht, kommen Verlustängste, Schamgefühle, und plötzlich können sie nicht mehr, was sie mit Fremden problemlos konnten. Es müsste genau umgekehrt sein. Gerade mit dem Partner brauchen wir die Tiefe. Die Tiefe, die alle ersehnen, finden wir nicht in einer Freundschaft mit Fickerei. Wir finden sie in einer vertrauensvollen Beziehung, in der beide bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen, weil sie wissen, dass das Spiel es wert ist.

Die Angst vor Grenzenlosigkeit
Wer Angst vor Grenzenlosigkeit hat, hat eigentlich Angst vor sich selbst. Wer sich nicht traut, sich ganz zu geben, hat Angst vor dem, was dabei sichtbar wird. Denn in der vollständigen Hingabe fällt jede Maske, jede Rolle, jede Schutzschicht, und was übrig bleibt, ist der nackte Mensch, mit allem, was er ist, mit allem, was er sich nie eingestanden hat. Das ist der eigentliche Preis, und die meisten sind nicht bereit, ihn zu zahlen.
Aber wenn ich in einer Beziehung bin, wenn ich verheiratet bin, wenn ich mir vorstelle, ich finde eine neue Partnerin, dann möchte ich mich doch ganz geben. Ich möchte mich doch ganz zeigen. Ich möchte nicht auch nur einen einzigen Tag mit angezogener Handbremse durchs Leben gehen, sondern ich möchte die Welt erobern. Und die Welt erobern kann ich nur, wenn ich den Fuß von der Bremse nehme, wenn ich die Handbremse löse und sage: Go for it. Mit allem, was wir haben, in die maximale Tiefe. In den Marianengraben tauchen und auf den Mount Everest klettern. Gleichzeitig. Ohne Atemmaske, die brauchen wir nicht. Wir haben uns.
Und weil wir richtig tief sind, wollen wir beides gleichzeitig.

Der Raum, den keiner allein betreten kann
Wenn zwei Menschen sich gegenseitig grenzenlos wählen, schaffen sie einen Raum, den keiner von ihnen allein betreten könnte. Das Wir als eigener Ort. Nicht als Kompromiss, bei dem sich beide in der Mitte treffen und keiner bekommt, was er wirklich will. Sondern als eine eigene Ebene, die erst durch das Zusammenkommen entsteht und die vorher nicht existiert hat, für keinen der beiden.
Das kann etwas auslösen, das sich anfühlt wie Sucht. Das kann etwas auslösen, das sich anfühlt wie Hörigkeit. Und ich sage: Ja. Genau das. Und es ist wundervoll. Weil es nur gefährlich wäre, wenn ich nicht alleine stehen könnte. Weil es nur bedrohlich wäre, wenn meine Identität davon abhinge. Aber sie hängt nicht davon ab. Ich stehe. Ich bin klar. Und genau deshalb kann ich mich grenzenlos hineingeben, weil ich weiß, wer ich bin, auch wenn ich alleine bin. Die Hingabe ist kein Verlust meiner selbst. Sie ist die bewusste Entscheidung, mich selbst um ein Wir zu erweitern.
Ich kann keine Beziehung mehr führen, ohne dass meine persönliche Tiefe darin Platz hat. Ich werde nur eine Beziehung führen, wenn meine Partnerin dieselbe Tiefe in sich trägt und denselben Anspruch hat, diese Tiefe im Alltag zu leben. Dauerhaft. Als Normalzustand, nicht als Phase. Und mich persönlich hat niemals etwas anderes interessiert.
Und vielleicht entsteht dann ein Raum, der größer ist als alles, was jeder Einzelne von uns sich vorher vorstellen konnte.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
