Es gibt Menschen, die jeden Tag Nähe brauchen. Nicht ab und zu, nicht wenn die Stimmung passt, nicht als Belohnung für einen guten Tag. Jeden Tag. Und die Welt sagt: Das ist zu viel. Das ist unnormal. Das ist Sucht, Abhängigkeit, Kontrollverlust. Und sie sagt es so oft und so laut, dass die meisten von ihnen irgendwann anfangen, es zu glauben. Und aufhören zu fordern, was sie brauchen. Und anfangen, sich anzupassen an einen Rhythmus, der nicht ihrer ist.
Aber Rhythmus lässt sich nicht anpassen. Nicht dauerhaft. Du kannst lernen, weniger zu schlafen, aber dein Körper wird sich irgendwann holen, was du ihm verweigerst. Du kannst lernen, weniger zu essen, aber der Hunger verschwindet nicht, er wartet nur. Und du kannst lernen, dein Verlangen nach Nähe herunterzuschrauben, es in eine Ecke zu schieben, es vernünftig zu finden, dass zweimal im Monat reicht. Aber dein Körper wird sich nicht daran gewöhnen. Er wird leiser werden. Aber nicht stiller. Und irgendwann liegt er nachts wach neben einem Menschen, der längst schläft, und sehnt sich nach etwas, das drei Zentimeter entfernt liegt und trotzdem unerreichbar ist.

Und die Welt nennt es Gier. Weil die Welt Sex in Portionen denkt. Einmal die Woche ist normal, zweimal ist viel, jeden Tag ist verdächtig. Aber niemand fragt, wer diese Portionen festgelegt hat. Niemand fragt, warum dreimal am Tag essen gesund ist, aber dreimal in der Woche Nähe suchen schon zu viel. Niemand fragt, warum ein Mensch, der jeden Tag laufen geht, diszipliniert genannt wird, aber ein Mensch, der jeden Tag Verschmelzung braucht, als besessen gilt.
Weil die Welt Angst hat vor Menschen, die ganz fühlen. Vor Menschen, deren Verlangen nicht in eine Schublade passt. Vor der Frau, die nachts um drei noch will, und dem Mann, der morgens als Erstes berührt statt sein Handy nimmt. Sie sind unbequem, weil sie zeigen, was möglich wäre, wenn man aufhört, sich zu dosieren. Und das wollen die meisten nicht sehen. Weil es ihre eigene Dosierung in Frage stellt.

Und dabei geht es gar nicht um Sex im engeren Sinne. Es geht nicht um Stellungen, nicht um Dauer, nicht um Leistung. Es geht um den Zustand der Verbundenheit, den ein Mensch fühlt, wenn er einem anderen Menschen so nahe ist, dass die Grenze zwischen beiden verschwindet. Dieses Gefühl ist nicht Luxus. Es ist nicht Bonus. Es ist der Ort, an dem manche Menschen zum ersten Mal ganz da sind. Ganz ruhig. Ganz bei sich. Und wer diesen Ort kennt und ihn jeden Tag aufsuchen will, ist nicht süchtig nach Sex. Er ist süchtig nach sich selbst. Nach dem Zustand, in dem er am meisten er selbst ist.
Und es gibt eine Grenze, die wichtig ist. Häufigkeit ist kein Grundbedürfnis wie Atmen. Du stirbst nicht daran, wenn du eine Woche allein schläfst. Aber du stirbst ein bisschen von innen, wenn du Jahre in einer Verbindung lebst, in der dein Rhythmus nicht gehört wird. Nicht körperlich. Seelisch. Langsam. Leise. Wie eine Pflanze, die nicht verdurstet, sondern einfach aufhört zu blühen, weil das Licht nicht reicht.

Wenn du ein Mensch bist, der jeden Tag braucht, dann ist das nicht zu viel. Es ist nicht krank, nicht gierig, nicht unnormal. Es ist dein Rhythmus. Und dein Rhythmus ist nicht verhandelbar, nicht mit dir selbst und nicht mit einem Partner, der dir sagt, du sollst vernünftig sein. Vernünftig sein heißt in diesem Fall: Hör auf, du zu sein. Und das ist der schlechteste Kompromiss, den ein Mensch eingehen kann.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
