„Maik, ich weiß nicht, warum, aber ich muss dir das erzählen. Und das, was ich dir erzähle, erzähle ich sonst niemandem.“ Diesen Satz habe ich wirklich oft gehört, in flüchtigen Begegnungen, im beruflichen Kontext und in Beziehungen. Oder: „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so wenig bewertet und so auf das schaut, was ist, wie du.“ Und dazu dieser fast drängende Wunsch, mir etwas anzuvertrauen, das noch nie jemand gehört hat.
Dieses Ablegen der Maske, dieses Zulassen und Aussprechen der Wahrheit ist genau das, was mich selbst nährt. Es ist die Wahrheit, nach der ich mich sehne. Nicht meine Wahrheit, sondern die Wahrheit. Überrascht hat mich dabei nie etwas, weil ich das Bild der anderen Person meistens schon in mir getragen habe. Nicht als klare Szene, sondern als Gefühl, auf das ganz viele Bilder aufgeprägt sind. In mir läuft ohnehin den ganzen Tag so etwas wie ein innerer kinesiologischer Test. Ich stelle mir geschlossene Fragen, mein Gefühl antwortet mit Ja oder Nein, und daraus entsteht das Bild in Klartext.

Wenn sich jemand öffnet, bin ich meistens still und höre zu. Meine Antwort hat fast immer mit Verständnis zu tun, weil ich nie überrascht war, auch nicht bei Abgründen, verbotenen Gedanken oder Fantasien. Ich habe nie bewertet. Manchmal spüre ich, dass es nicht meins ist, aber ich empfinde trotzdem nichts Negatives, weil es dem Menschen gegenüber gehört. Ich verstehe die Sehnsucht dahinter und wie schmerzhaft es ist, diese Seite nicht zeigen zu können. Und gleichzeitig ist es genau das, was ich hier gerade tue. Auch ich habe das Bedürfnis, zu zeigen, was in mir lebt, ohne dafür verurteilt zu werden. Wer mich belächelt, darf das tun. Niemand ist gezwungen, mir zuzuhören. Aber die Wahrheit, egal wie sie aussieht, braucht keine Rechtfertigung.
Ich spiele diese Rolle nicht, sie ist schon immer so gewesen. Meine ersten Erinnerungen reichen in die Grundschulzeit zurück, und schon dort hatte ich diese Funktion in Gruppen und Freundschaften. Geändert hat sich nur mein Bewusstsein dafür. Je älter ich wurde, desto häufiger drehten sich diese Gespräche um Emotionen und Sexualität. Ich habe so viele Menschen ihre innerste Welt und ihre innersten Sehnsüchte beschreiben hören. Und fast niemand hat sich eingestanden, sie zu leben, weil es nie jemanden gab, bei dem er wirklich so sein durfte, der es tragen und wirklich erkennen konnte. Mir hat noch nie jemand etwas anvertraut, das ich nicht halten konnte, wenn es der seelischen Wahrheit entsprach und nicht nur dem Ego.

Wenn Menschen sich öffnen, macht ihnen das aber auch Angst, weil sie sich plötzlich auf einer anderen Ebene wahrnehmen. Dann entsteht ein Raum, in dem man ganz normal darüber sprechen und gemeinsam herausfinden kann, woher etwas kommt, und vielleicht feststellt, dass es gar nicht schlimm ist, sondern schön. In meinen Beziehungen war es wohl genau dieser Raum, der eine besondere Faszination ausgemacht hat. Das Nervensystem kommt zur Ruhe, die innerste seelische Wahrheit rückt in den Vordergrund, und das schützende Ego tritt ein Stück zurück. Menschen erkennen sich dann so genau wie nie zuvor in ihrem Leben. Dafür muss ich mich nicht anstrengen, und wahrscheinlich erzeuge ich es auch nicht selbst. Es ist der Mensch gegenüber, der durch diese Tür in den Raum geht. Ich biete ihn nur an, durch mein Sein. Tiefe muss dabei gar nicht sexuell sein. Es kann um Berufswünsche gehen, um Leidenschaften, um alles, was in einem Menschen lebt. Das ist für mich Tiefe.
Warum öffnen sich Menschen manchmal eher einem Fremden als ihrem Partner?
Weil sie dort weniger Bewertung und keine Folgen für ihre Beziehung fürchten. Wer spürt, dass jemand nicht urteilt und auf Augenhöhe zuhört, fühlt sich sicher genug, die Maske abzulegen. In langen Beziehungen ist die Angst, etwas zu verlieren, oft größer als der Wunsch, ganz gesehen zu werden.
Genau darum geht es auch in meinen Begegnungen. Deshalb sind es dort ganze Tage, Wochenenden oder eine ganze Woche. Es braucht Raum, Normalität und Vertrauen, das man nicht nur empfindet, sondern in dem man anfängt, den Kopf weiter aus dem Schneckenhaus zu strecken und zu erfahren, dass man nicht bewertet wird. Auch ich öffne mich dort, denn nur auf Augenhöhe kann dieser Raum entstehen. Genau das empfinde ich in vielen Coachings als Problem, weil es dort eine Hierarchie gibt. Für mich gibt es keine Hierarchie, sondern nur wahr oder unwahr, sein oder nicht sein. Und wenn wir sind, sind wir alle wahr. Diese Tür zur eigenen Seele, durch die du dich in einer Intensität wahrnimmst, die du vielleicht erträumt hast, aber nie greifen konntest, das ist die Magie. Das bist du, und das bin ich.

Ich brauche diese Tiefe, um mit meinem Lebenssinn verbunden und genährt zu sein. Eine Beziehung, die dort an Grenzen stößt, kann ich nicht führen. Wenn die Tat nicht zur Sehnsucht der Seele passt, empfinde ich Schmerz, und es kostet mich Energie. Früher hatte ich das Bedürfnis, das aufzuzeigen und auszugleichen. Heute tue ich das nicht mehr, weil es nicht meine Aufgabe ist. Ob jemand fallen möchte, ob er endlich wahr wird, endlich er selbst, ist seine eigene Entscheidung. Es wäre übergriffig, das zu initiieren. Ich bin da, wenn man mich bittet, und ich bin da, wenn man mich wählt. Aber wenn ich nicht eingeladen werde, bin ich nicht mehr da. Das ist ein Teil meiner Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre. Und auch das beruht auf Freiwilligkeit. Ich möchte eine Partnerin, die mich aus tiefster Freiwilligkeit wählt, mit allem, was ich bin, und die das, was in mir lebt, nicht als Gefallen teilt, sondern darin ihre größte Erfüllung findet. Denn nur das, was jemand wirklich selbst will, ist wahr. Erkannt und gewählt zu werden, das ist es, was ich selbst ersehne und was mich nährt. Zu wissen und zu akzeptieren, wer ich bin, hat mir meine Freiheit gebracht. Und diese Freiheit verrate ich nicht, selbst wenn es bedeuten würde, für immer allein zu bleiben.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
