Dass ein Mann emotional nicht verfügbar sei, höre ich mittlerweile jeden Tag. In der Sauna, im Gym, wenn man Freunde oder Bekannte trifft. Es wird selten so benannt, aber es geht fast immer darum. Und es geht dabei um ein Narrativ, das bedient wird, von Männern und von Frauen gleichermaßen, weil man sich damit schützt und die Verantwortung für die eigene Situation auf den Partner schiebt.
Ich habe mich immer für einen offenen, kommunikativen, flexiblen Menschen gehalten. Wenn ich meine Vergangenheit anschaue, muss ich sagen: Ich hatte meine eigene Unverfügbarkeit. Sie sah nur völlig anders aus.

Ich bin nicht ausgewichen. Ich habe emotionale Gespräche nicht vermieden. Im Gegenteil, ich habe mich offenbart, in einer Tiefe, die sicherlich ungewöhnlich ist. Aber genau das bin ich. Und genau das durfte fast nie stattfinden. Meine Bedürfnisse, meine Sexualität, meine Art zu fühlen wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Was zurückkam, war Überforderung, und die kam selten laut. Sie kam als Schweigen, als leises Nein, als Scham, als Lachen an der falschen Stelle. Manchmal auch als direkte Ablehnung. Und dann habe ich mich gedimmt. Ich bin in Bitterkeit gefallen, ich habe mir spiegeln lassen, dass ich nicht gut genug sei, obwohl ich mich selbst nie so gefühlt habe. Ich habe meine emotionale Seite versteckt und auf das Level eingepegelt, das möglich war. Das ist auch eine Form von Unverfügbarkeit. Ich hätte gerne. Aber ich durfte nicht, zumindest habe ich es so empfunden. Und statt die Konsequenz zu ziehen, habe ich geschluckt.
Wenn zwischen zwei Menschen auf einer Ebene eine große Differenz liegt, und es geht dabei nicht um besser oder schlechter, dann kann man darüber sprechen und es marginal ausgleichen. Aber man kann es nicht beliebig über Kommunikation lösen. Es gibt ein Plateau, und das muss man akzeptieren. Ich habe es nicht akzeptiert. Ich habe mich angepasst, wie ein Chamäleon, das war mein Spitzname. Ich habe die Farbe angenommen, die möglich war, und angefangen, mich zu verstecken. Nicht, weil ich musste. Weil ich Angst vor der Konsequenz hatte. Denn richtig wäre gewesen, in diesem Moment zu gehen. Nicht aus Boshaftigkeit, nicht aus Trotz, sondern weil ich mir selbst mehr wert bin. Ich brauche diese Tiefe, diese Nähe, dieses Verschmelzen, diese besondere Form der Sexualität. Wenn ich das nicht leben kann, ist eine Beziehung auf Dauer nicht tragfähig, weil ich auf Dauer alles verleugne, was ich an Wahrheit in mir trage, und das nimmt mir jede Energie. Dass mein Gegenüber das nicht teilt oder nicht kann, ist völlig legitim. Dass ich trotzdem geblieben bin, aus Angst vor dem Alleinsein, das war mein Selbstverrat, und der hat mich selbst in die Unverfügbarkeit gerückt.

Emotionale Verfügbarkeit heißt nicht, jede sexuelle Vorliebe zu teilen. Sie heißt, darüber sprechen zu können, ohne den anderen abzuwerten und ohne sich selbst zu verleugnen. Die Unverfügbarkeit, die mir bei anderen begegnet ist, sah so aus: Man konnte nicht offen über sexuelle Vorlieben sprechen, weil alles, was nicht der eigenen Vorstellung entsprach, sofort pathologisiert wurde. Ob einmal im Jahr oder zehnmal am Tag für dich richtig ist, kannst nur du entscheiden. Das ist individuell. Und wenn zwei Menschen auf dieser Ebene nicht zusammenpassen, finden sie keine Lösung, so viel sie auch reden. Bei mir beruht alles auf Freiwilligkeit. Ich möchte nicht, dass du mit mir schläfst, weil du mich glücklich machen willst. Ich möchte, dass du mit mir schläfst, weil es das Größte ist, was dich glücklich macht. Es gibt Dinge, die man dem anderen zuliebe tut, dagegen spricht nichts. Aber in aller Regel braucht es eine intrinsische Ebene, sonst gibt es keine Basis, um langfristig in eine Richtung zu laufen.
Emotional nicht verfügbar ist, wer sich nicht zeigt oder das Gezeigte nicht stehen lässt. Das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Auch wer bleibt, sich anpasst und die eigenen Bedürfnisse verschweigt, ist nicht verfügbar, nur unauffälliger.Was bedeutet emotional nicht verfügbar wirklich?
Die häufigste Form aber ist eine andere, und ich bin ihr in Freundschaften wie in Beziehungen begegnet. Jemand wagt sich vor, wie eine Schnecke, die den Kopf aus dem Haus streckt. Wirft etwas in den Raum, eine Bemerkung, kryptisch. Und kann es nicht stehen lassen, weil die Angst vor Ablehnung, vor Kontrollverlust, vor dem Sich-Offenbaren so groß ist, dass im selben Satz oder im nächsten alles wieder relativiert wird. Und dann ist das, worum es ging, kaputt. Ein Bekenntnis wie: Ich kann nicht beschreiben, warum, aber du bist der Mensch, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, und auch wenn du das nicht willst, möchte ich es dir sagen, weil du so auf die Welt schaust, wie ich es mir wünsche. So ein Bekenntnis bekommt man nicht. Ich zumindest nicht. Ich spreche es aus, weil ich über meine innerste Wahrheit sprechen möchte. Und ich habe dafür schon auf die Finger bekommen, weil das Gegenüber es nicht halten konnte. Weil es Scham ausgelöst hat. Weil es zu nah war, zu echt, zu ehrlich.
Ich möchte so sein, jeden Tag, in jedem Moment. Und weil ich das weiß, muss ich auf mich schauen, bei mir bleiben und sagen, was mir wichtig ist. Es gibt dabei kein richtig oder falsch, und ich will niemanden überzeugen. Ich möchte jemanden, der mit mir in Resonanz ist. Nicht die Verfügbarkeit in jedem Moment ist entscheidend, sondern die Bereitschaft, sich wirklich zu zeigen. Diese Bereitschaft ist mir so wichtig, dass ich nicht mehr bereit bin, mich zu verraten. Denn wenn ich mich verrate, verrate ich immer auch das Wir. Nur wenn beide wirklich offen sind, kann ein Wir entstehen, das größer ist als jedes Ich. Nicht uneingeschränkt in jedem Moment, das gibt es vielleicht nicht. Aber uneingeschränkt in der Bereitschaft.
Meine Form der Unverfügbarkeit hat sich als Gutmütigkeit getarnt, als Großherzigkeit, als das Chamäleon, das sich auf jede Situation einstellen kann. Das ist trügerisch. Und es gibt nur eine Chance, wenn man bereit ist, auf diese Wahrheit zu schauen. Ich würde mir wünschen, dass Menschen nicht nur auf den anderen draufhauen, sondern auch fragen: Welche Rolle spiele ich dabei? Müsste ich mich selbst ernst nehmen und die Konsequenzen ziehen, statt stillzuhalten? Das habe ich für mich gemacht. Ich bin nicht mehr bereit, mich kleiner zu machen, mich zu dimmen, in die Bitterkeit zu laufen. Sie war immer aushaltbar. Aber sie hatte immer einen hohen Preis.

Ich habe gelernt, auf mich zu schauen und bei mir zu bleiben. Wenn ich in meiner Tiefe und mit all meinen Bedürfnissen nicht stattfinden kann, dann muss ich gehen. Ich bin es mir wert. Und wer mein Leben teilen will, dem muss ich es auch wert sein. Auch wenn das vielleicht eine Trennung auslöst. Man kann über alles sprechen. Aber man darf auch einsehen, dass es nicht für alles Lösungen gibt.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
