Napoleon Hill hat vor fast hundert Jahren ein Kapitel geschrieben, das viele Leser überblättern oder befremdlich finden, weil es ganz direkt um Sexualität geht. Um eine Bedeutung von Sexualität, die viele Menschen nicht zulassen oder nicht fühlen wollen. Es handelt von der Umwandlung sexueller Energie in Schöpfungskraft. Transmutation nennt er das: Die stärkste Kraft im Menschen wird nicht gelebt, wie die Gesellschaft sie klassischerweise lebt, sondern verwandelt, aus Begehren wird Werk. Sein Rat klingt nach Disziplin, nach Zügel, nach Umleitung. Die eigene Erregung wird zum Werkzeug.
Ich habe dieses Kapitel mehrfach gelesen, über Jahre hinweg, und lange dachte ich, es beschreibt einen Weg, der auch meiner sein müsste. Enthaltung und Umformung des Begehrens als Methode. Die Energie einsperren, damit sie arbeitet. Aber je genauer ich mein eigenes Leben angeschaut habe, desto klarer wurde: Mein Problem war nie, dass ich diese Energie gelebt habe. Mein Problem war, wie flach ich sie gelebt habe. Ich musste nichts einsperren. Ich habe verschwendet. Verschwendet in Beliebigkeit. Und zwar nie, um sexuellen Druck zu kompensieren oder Entspannung zu finden, wie die meisten es leben, sondern um Liebe zu finden. Um erkannt zu werden. Doch diese oberflächlichen Begegnungen haben mir unfassbar viel Energie geraubt und mich gleichzeitig bitter werden lassen, zumindest für die Momente danach. Immer und immer wieder. In Beziehungen, in Affären, in spontanen Geschichten.

Es gibt zwei Arten, diese innerste Energie zu verlieren. Die eine ist, sie nie fließen zu lassen, nie in die Tiefe zu kommen, die das Fließen überhaupt erst möglich macht. Die andere ist, sie in Betten zu gießen, die sie nicht halten können. Ich kenne die zweite Art auswendig. Sex, der rational einwandfrei war. Technisch 1a. Körper, die funktionierten. Nächte, gegen die objektiv nichts einzuwenden war, außer dass sie mich leerer zurückließen, als sie mich vorgefunden hatten. Ich habe das lange nicht Verschwendung genannt. Ich habe es Freiheit genannt. Aber immer mit diesem Gefühl innerer Zerrissenheit, innerer Suche. Heute weiß ich: Es war Zeit, die ich meinem eigenen Feuer gestohlen habe.
Vielleicht kennst du diesen Unterschied auch, ohne ihn je benannt zu haben. Es gibt Sex, nach dem du dich entladen fühlst. Und es gibt Verschmelzung, nach der du geladen bist. Dieselbe Handlung von außen, zwei entgegengesetzte Bewegungen von innen. Die eine nimmt dir etwas, die andere gibt dir etwas, und dein Körper kennt den Unterschied lange bevor dein Kopf bereit ist, die Konsequenzen zu ziehen. Beide Seiten der Medaille können schön sein, können geil sein. Erfüllend ist für mich allerdings nur die Verschmelzung, das Einswerden mit meiner Partnerin. Die Erregung selbst ist für mich eher ein Tor, das diese Tiefe öffnet. Aber Erregung, die nie hindurchgeht, bleibt flach und ist für mich unbedeutend. Viele Menschen träumen von dieser zweiten Seite und haben zugleich Angst, wirklich dorthin zu gehen: in die völlige Hingabe, die völlige Verletzlichkeit, die Verschmelzung. Für mich gibt es nichts Erfüllenderes als den Moment, in dem die Zeit stehen bleibt und du nicht mehr zwei bist, sondern eins.

Ich habe Verschmelzung erlebt. Nähe, die aus Geruch besteht, aus Geschmack, aus Haut, die nicht endet, wo die andere beginnt. Liebe machen, nicht Sex haben. Und ich habe gespürt, was danach in mir passierte: keine Leere, sondern Schaffenskraft. Ich wollte schreiben, bauen, denken, leben. Die Energie war nicht verbraucht, sie war geweckt. Das ist der Punkt, an dem Hill etwas Wahres gesehen hat und aus meiner Sicht trotzdem den falschen Schluss zog. Die sexuelle Energie und die schöpferische Energie sind tatsächlich eine einzige Kraft. Aber sie muss nicht eingesperrt werden, um zu wirken. Sie muss tief fließen dürfen. Sie darf den Geist beruhigen, und der Orgasmus, das Auflösen der Energie, darf dabei sogar fehlen. Echte Tiefe, stundenlang, ist für mich nährender und erfüllender als die heftigsten Orgasmen.

Und deshalb ist das, was ich heute lebe, keine Askese, auch wenn es von außen so aussehen mag. Ich habe nicht aufgehört zu wollen. Ich habe aufgehört, unter meinem Wollen zu bleiben. Die Energie, die früher in Nächte floss, die am Morgen nichts mehr wert waren, fließt jetzt in mein Sein, meinen Geist, in Sport, in Struktur und in diese Worte, die ich gerade schreibe. Allein auf meiner Terrasse, in einem Moment voller Freiheit. Nicht weil ich meine Sexualität umleite, sondern weil ich sie nicht mehr verschütte. Das heißt nicht, weniger sexuell zu sein. Ganz im Gegenteil. Und wenn irgendwann die Frau kommt, mit der Verschmelzung wieder täglich wird, dann wird diese sexuelle Kraft und emotionale Tiefe nicht kleiner werden, sondern größer.
Vielleicht dürfen wir noch viel lernen über die Verbindung von Liebe und Schöpfung. Denn vielleicht sind und waren es nie zwei Dinge.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
