Ich kenne diesen Satz mein ganzes Leben. Ich kenne ihn in mehreren Zusammenhängen, und in jedem klingt er gleich. Die Zeit hätte ich gar nicht.
Beim Sport habe ich ihn zuerst gehört. Ich gehe seit Jahren fünf, sechs, sieben Mal die Woche laufen, und das ging auch mit Familie, mit Kindern, in Partnerschaften. Ich bin früh gelaufen, zwischen halb sechs und kurz vor sieben, bevor der Alltag begann, oder am Wochenende, bevor die anderen aufgestanden sind. Heute, allein, ist es flexibler. Aber ich habe es auch früher integriert bekommen. Und ich habe mich immer gewundert. Alle Menschen haben Zeit, auf dem Sofa zu sitzen. Alle haben Zeit, sich auf Instagram berieseln zu lassen. Alle haben Zeit für Netflix. Nur an dieser einen Stelle haben sie keine Zeit.

Der zweite Bereich ist die Sexualität. Ich bin jemand, dem sexuelle Erregung sehr, sehr wichtig ist. Und mir geht es dabei nicht um ein Abreagieren, das ist mir überhaupt nicht wichtig. Es geht um Fühlen, um Verbinden, um ein Wir, um Verschmelzen. Das sind Dinge, die Zeit brauchen und Raum. Das ist nicht die schnelle, auf Entladung ausgerichtete Sexualität, die viele Menschen kennen. Für mich geht es um eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Und im Austausch über genau dieses Thema habe ich den Satz am häufigsten gehört. Die Zeit hätte ich überhaupt gar nicht.
Für mich war das nie eine Frage der Zeit. Sport und sexuelle Erregung waren immer das, was mich geerdet hat, was mich mit mir verbunden hat. Es gab gar keine Option, diese Priorität nicht zu setzen. Ich habe nie verstanden, warum sich Menschen berieseln lassen, um den Kopf auszuschalten, denn bei mir war es genau das, was mich leiser werden ließ, was mich zentriert hat, was mir meine Energie gegeben hat. Mit mir verbunden, und dann natürlich auch mit der Partnerin.

Dieser Bereich ist bei mir so ausgeprägt, so fühlend, so tief und so verschmelzend, dass es emotional in den Marianengraben geht und gleichzeitig auf den Mount Everest. Die Range ist sehr groß. Und das gemeinsam zu leben ist in Verbindungen oft schwierig gewesen, weil dieser Bereich für viele nicht die Bedeutung hat, die er für mich hat. Für mich war es immer die Wahrheit. Es ist viel mehr Emotionalität als Sexualität. Die Sexualität ist für mich ein Werkzeug, um in eine tiefere Ebene zu kommen. Ein Instrument des Seins, um sich zu fühlen, um sich miteinander zu verbinden und mit sich selbst.
Wer nur mitmacht, kann diese Form der Nähe meist nicht dauerhaft in den Alltag integrieren. Dann ist es in der Kennlernphase zwei Monate lang ein Sprint, bevor es verblasst, weil es kein eigenes Bedürfnis war. Eine tiefe und dauerhafte Verbindung entsteht nur, wenn beide das Wollen wirklich in sich tragen, nicht als Gefälligkeit, sondern als echtes Bedürfnis.Warum reicht Mitmachen in der Sexualität nicht?
Wenn ich an eine Partnerschaft denke, dann wird es nur mit einer Frau gehen, die nicht immer will, das meine ich überhaupt nicht, aber bei der das Wollen immer da ist. Bei der dieser Raum ebenso Platz hat und ebenso einen Zweck. Wenn jemand nur mitmacht, ohne dieses Bedürfnis selbst in sich zu tragen, entsteht für mich keine tiefe Verbindung. Es hat nicht die Tiefe, die ich brauche. Und jemand, der nur mitmacht, hat nie die Energie, das im Alltag zu leben, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Dann ist es zwei Monate ein Sprint, und dann verblasst es, weil es kein eigenes Thema ist.
Erregung ist bei mir im Alltag immer dabei. Sie ist ein Normalzustand. Sie stand nie im Widerspruch zu einer beruflichen Aufgabe, sie hat meinen Geist immer erweitert und stimuliert. Sie ist ein Teil von mir. Das bedeutet aber auch, dass eine Partnerin diesen Zugang und diese Bedeutung in sich tragen muss. Sonst kann sie den Gedanken emotional gar nicht nachvollziehen, und dann löst er Stress aus, Erwartung, Druck. Genau das ist nicht gewollt. Es geht nur, wenn beide so ehrlich sind, dass sie klar ausdrücken können, wer bin ich eigentlich, welche Wahrheit lebt in mir. Wenn man nicht darüber spricht, gibt es diese schönen zehn Wochen am Anfang, in denen sich die meisten verstellen und performen. Und danach bricht das ganze Konstrukt zusammen, weil man es energetisch nicht durchhält.

Der eigene Orgasmus ist für mich überhaupt nicht das Ziel. Ich glaube, dass das für einen Mann selten ist, und für Frauen durchaus auch. Das Sein, das Fühlen, die Verbindung, das Auskosten, das Steigern der Erregung und das Bewusstsein dabei sind mir viel näher als die Auflösung der Energie im Höhepunkt.
Wenn man in einer so selten kommunizierten Bedürfniswelt lebt, ist es schwierig, sie nicht zu äußern. Für mich ist es in einer Liebesbeziehung eine Grundvoraussetzung, das äußern zu können, weil es für mich lebenswichtig ist. Es steht nicht auf dem Nice-to-have-Zettel, es steht auf dem Must-have-Zettel. Nur wenn ich bereit bin, mich zu offenbaren, kann die Partnerin damit umgehen und sagen, mir geht es ähnlich, oder nein, das bin ich nicht. Dann kann man entscheiden, ob man zusammenpasst. Das zu verleugnen ist kein Weg. Und zu hoffen, dass der andere es von selbst erkennt, ist auch keiner.
Ich schäme mich dafür überhaupt nicht, weil ich so gebaut bin. Es ist individuell, und es gibt dabei kein richtig oder falsch.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
