Irgendwann haben wir verloren, was uns am lebendigsten macht. Nicht durch Gewalt, nicht durch Unterdrückung, sondern durch den gut gemeinten Versuch, beides für immer zu verhindern. Wir haben eine Kultur gebaut, die jede Machtdynamik hinterfragt, jedes Begehren dekonstruiert und alles pathologisiert, was danach aussieht, dass ein Mensch führt und ein anderer folgt. Und dabei haben wir uns genau das gestohlen, was wir eigentlich schützen wollten: die Freiheit, so zu lieben, wie wir wirklich fühlen. Und vermutlich auch einen großen Teil unseres wirklichen Seins.
Ich habe Jahre gebraucht, um das in mir zu erkennen. Ich habe geglaubt, mein Begehren sei nicht unbedingt falsch, aber zumindest zweifelhaft und vielleicht auch übergriffig. Dabei war meine Führung immer leise, immer still, immer ziehend statt drückend. Und die Gesellschaft hat trotzdem daraus gemacht, dass eine Frau, die einem Menschen folgen will, therapiert werden müsse statt geliebt. Dass mein Bedürfnis nach Nähe ohne Grenze ein Zeichen von Störung sei und nicht von Tiefe. Ich habe mich gedimmt, nicht weil ich es wollte, sondern weil mir eine ganze Kultur erzählt hat, dass das, was in mir lebt, zu viel ist, zu dominant, zu bedürftig, zu nah.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Frau, die keine Wahl hat, und einer Frau, die sich aus freien Stücken entscheidet, einem Mann zu vertrauen und ihm zu folgen. Die erste wurde beraubt. Die zweite hat die mutigste Entscheidung ihres Lebens getroffen. Aber in den Augen dieser Kultur sehen beide gleich aus: als Opfer. Die eine eines Mannes, die andere ihrer eigenen Konditionierung. Dass eine Frau aus voller Selbstkenntnis sagen könnte „Ich will mich ganz geben, und das ist meine Freiheit“, passt in kein gängiges Modell. Also wird es umgedeutet, erklärt, zurechtgebogen, bis es in die richtige Schublade passt.
Und den Männern geht es nicht anders. Wer ausspricht, dass er führen will, in der Beziehung, im Bett, im Leben, wird nicht gefragt, was er damit meint. Er wird eingeordnet. Toxisch, patriarchal, rückwärtsgewandt. Dass Führung auch bedeuten kann, einen Raum zu halten, in dem ein anderer Mensch sich fallen lassen darf, kommt in dieser Rechnung nicht vor. Und selbstverständlich kann die Dynamik auch umgekehrt sein. Dass ein Mann einer Frau folgen möchte. Das war immer schon mein Anderssein bei diesen Definitionen.

Ich bin nicht gegen Gleichberechtigung. Ich bin gegen die Verwechslung von Gleichberechtigung mit Gleichförmigkeit. Gleichberechtigung heißt, dass jeder Mensch die Freiheit hat, so zu leben, wie es seiner Wahrheit entspricht. Gleichförmigkeit heißt, dass alle dasselbe wollen müssen, damit es als gesund gilt. Und in dem Moment, in dem du sagst „Ich will etwas anderes als das, was vorgesehen ist“, stehst du außerhalb. Nicht weil du falsch liegst, sondern weil das Modell keine Ausnahmen erlaubt.
Ich habe aufgehört, mich für meine Wahrheit zu entschuldigen. Nicht als Provokation, nicht als politisches Statement, sondern weil es mich zerstört hat, gegen mein eigenes Wesen zu leben. Mein Bedürfnis nach Nähe ist kein Defizit. Mein Wunsch nach Hingabe ist keine Regression. Meine Kraft ist keine Bedrohung. Und die Frau, die mir eines Tages aus freiem Willen sagt „Ich möchte dir folgen“, ist keine Verräterin an ihrem Geschlecht. Sie ist die freieste Frau, die ich mir vorstellen kann.

Die Hingabe, die uns gestohlen wurde, wartet noch. In jedem Menschen, der nachts wach liegt und spürt, dass er mehr will als das, was erlaubt ist. In jeder Frau, die sich nach einem Mann sehnt, dem sie vertrauen kann, und sich dafür schämt. In jedem Mann, der führen will und gelernt hat, dass Führung ein Vergehen ist. Sie wartet darauf, dass jemand aufsteht und sagt: Es reicht. Ich lebe, was ich bin. Ohne Entschuldigung.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
