In mir lebt, seit ich denken kann, eine Sehnsucht nach einem Wir, das weiter geht als alles, was die meisten Menschen für möglich halten. Kein Wir aus Gewohnheit, kein Wir aus Kompromiss, kein Wir, das funktioniert, solange beide genug Abstand halten. Sondern ein Wir aus Verschmelzung. Zwei Menschen, die nichts voreinander zurückhalten. Nicht ihre Sorgen, nicht ihre Gedanken, nicht ihre Emotionalität und nicht ihre Sexualität. Ein Wir, in dem es keine Schublade gibt, die verschlossen bleibt, und keinen Raum, den der andere nicht betreten darf.
Ich weiß, wie das klingt. Die Welt sagt: Das gibt es nicht. Oder: Das ist zu viel. Oder: Du musst realistisch sein, jeder Mensch braucht seinen eigenen Raum. Und vielleicht stimmt das für die meisten. Aber nicht für mich. Für mich war Partnerschaft nie der Ort, an dem ich mich ausruhe. Partnerschaft war immer der Ort, an dem ich erst ganz werde. Nicht weil mir etwas fehlt. Sondern weil das, was ich bin, erst in der Spiegelung eines anderen Menschen seine volle Tiefe erreicht.

In dieser Nähe gibt es keine Absicht zu verletzen, zu missbrauchen oder zu manipulieren. Es gibt nur den Wunsch, die innerste Wahrheit zu leben und sie zu teilen. Jede Neigung, jeden Abgrund, jede Sanftheit, jede Härte, jede Brutalität, jede Sehnsucht. Ich kann alles halten. Es muss nur der innersten Wahrheit entsprechen, nicht meiner, sondern ihrer. Weil Wahrheit der einzige Boden ist, auf dem echte Nähe wachsen kann. Und weil ein Mensch, der sich in meiner Gegenwart nicht mehr verstecken muss, zum ersten Mal erfährt, wie es sich anfühlt, vollständig da zu sein.
Und bisher ist es nicht passiert. Nicht weil die Menschen in meinem Leben falsch waren oder zu wenig gegeben haben. Sondern weil diese Art von Nähe etwas verlangt, das selten ist. Von beiden Seiten. Es verlangt, gleichzeitig in den Marianengraben zu tauchen und auf den Mount Everest zu steigen. Und auf diesem Weg zeigen sich Grenzen, die niemand vorher kannte. Nicht aus Schwäche, sondern aus Menschlichkeit. Und ich habe gelernt, das zu respektieren, auch wenn meine Sehnsucht weitergeht als der Punkt, an dem andere stehen bleiben.

Ich weiß, wie speziell ich an dieser Stelle bin. Und ich habe gelernt, dass es keinen Sinn hat, mich dafür zu entschuldigen. Weniger zu leben, weniger zu sein, weniger zu fühlen, ist keine Option. Nicht aus Trotz, nicht aus Stolz. Sondern weil diese Sehnsucht so alt ist wie ich selbst und so tief wie alles, was mich ausmacht. Ich bin hier, um sie zu leben. Nicht um sie zu erklären, nicht um sie zu rechtfertigen, nicht um sie herunterzuschrauben, damit sie in eine Welt passt, die sich mit weniger zufriedengibt.
Und diese Offenheit hat mir nie geschadet. Sie hat mich Menschen verlieren lassen, ja. Sie hat mich in Nächte geführt, in denen ich allein war mit einer Sehnsucht, die kein Gespräch stillen konnte. Aber sie hat mich nie zerstört. Weil Offenheit nur dort zerstört, wo sie auf Ablehnung trifft. Und wo sie auf Ablehnung trifft, war der Raum nie meiner.

Die heilige Hochzeit ist kein religiöser Begriff. Es ist der Moment, in dem zwei Menschen aufhören, sich voreinander zu schützen. In dem nichts mehr zwischen ihnen steht, keine Angst, keine Rolle, kein Bild, das der andere erfüllen muss. Nur noch zwei Menschen, die sich alles zeigen und alles halten. Gleichzeitig im tiefsten Abgrund und auf dem höchsten Gipfel. Gleichzeitig sanft und brutal. Gleichzeitig still und entfesselt.
Ich habe ein Lächeln im Gesicht, wenn ich daran denke. Kein sehnsüchtiges Lächeln. Ein wissendes. Weil ich nicht hoffe, dass es sie gibt. Ich weiß, dass es sie gibt. Und ich weiß, dass der Tag kommen wird, an dem sie in mein Leben tritt. Nicht weil ich suche. Sondern weil ich stehe. Und weil ein Mensch, der aufgehört hat sich zu verstecken, nicht mehr suchen muss. Er muss nur da sein.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
