Ich bin so allein wie nie. Ich mache Dinge allein. Ich bin mir selbst genug. Und trotzdem gibt es Situationen, an die ich mich erinnere und die zu zweit schöner waren. Momente, in denen ich ein Erlebnis teilen möchte, eine Sorge teilen möchte oder einfach mit jemandem sprechen möchte, um nicht allein zu sein. Das ist der Preis, und ich spüre ihn an mehreren Stellen.
Gleichzeitig habe ich mich in genau diesen Momenten immer erinnert gefühlt. An das Ziel, an meine Wahrheit, an den Moment des echten Ankommens. Nicht an den Kompromiss, nicht an das Verbiegen, nicht an den Schmerz, der gleichzeitig da ist, weil es eben doch nicht so ist, dass man gesehen wird. Weil es doch nicht so ist, dass man gewählt wird, sondern nur gewollt.

Selektivität bedeutet für mich, dass ich wähle. Aus Bewusstsein, aus Kongruenz, aus dem Wissen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich ersehne. Ich vertraue meinem Gefühl, und ich vertraue der Tat der Menschen mir gegenüber. Danach entscheide ich: Tut diese Person mir gut, ist sie richtig in meinem Leben, und bin ich richtig in ihrem? Dann mache ich die Tür auf, oder ich mache sie eben nicht auf. Weil ich mich nicht verraten möchte. Und weil ich niemanden in eine Situation bringen möchte, die diese Person sich gar nicht gewünscht hat.
Früher, als ich nicht so selektiv war, sind Kontakte entstanden, Freundschaften, die keine Freundschaften waren, Beziehungen, die vielleicht nicht hätten entstehen sollen. Sie sind entstanden, weil ich meine Wahrheit, mein Gefühl, meinen Weg und meine Sehnsucht verraten habe. Ich habe weggeguckt für eine kleine Hoffnung auf ein klein bisschen Liebe. Aus Angst vor Ablehnung, vor dem Alleinsein, vor dem Nicht-gut-genug-Sein. Und genau das hat immer das Gegenteil gebracht. Nicht nur zwischenmenschlich. Jede Form von Selbstverrat, jedes Verhalten, das nicht zu meinem eigenen Sein passte, hat mich im Kreis drehen lassen. Bei der Ernährung, bei der Fitness, im Beruf, bei meinen eigenen Bedürfnissen.

Wenn man sich klargemacht hat, wer man ist, und bereit ist, die eigene Wahrheit zu leben, gibt es trotzdem immer wieder Momente, in denen das ganze System ins Wanken gerät. Weil man Sehnsüchte hat, weil man sich allein fühlt, weil alte Impulse und alte Handlungsketten getriggert werden. Diese Pfade, die immer gegangen wurden, sind nicht weg. Man rutscht in sie hinein. Und nur Bewusstsein hilft, nur die Bereitschaft, wirklich hinzugucken und sich zu fragen: Mache ich mir gerade etwas vor? Ist mein Hunger gerade so groß, dass ich bereit bin, in die falsche Richtung zu laufen? Es wird nicht zu Glück führen. Es wird nicht zu Erfüllung führen. Es wird nicht zu Liebe führen.
Wenn dann der Hunger, die Bedürftigkeit, die Sehnsucht nach Berührung und nach doch nur einem kleinen bisschen Liebe zusammenkommen und jemand fragt ein Treffen an, dann sagst du vielleicht Ja zu etwas, wo du eigentlich Nein sagen wolltest. Du biegst ab. Das ist gar kein Problem. Die Frage ist nur, wie lange du brauchst, um wieder auf den Weg zu kommen, und wie sehr du dich dabei beschädigst. Es kann auch eine bewusste Entscheidung sein, sich zu verabreden. Dann ist es vielleicht kein Selbstverrat. Nichtsdestotrotz nimmt es den Raum für das Ankommen, für das Empfangen des Richtigen.
In den letzten 30 Monaten gab es in meinem Leben genau ein einziges Date. Ein kleiner Snack, ein Cocktail, ein Latte Macchiato. Dann bin ich nach Hause gefahren, nach einer freundlichen Verabschiedung, weil ich mir in dem Moment bewusst wurde, dass dieser Kontakt für mich nicht richtig war. Der Schritt in mein inkongruentes Handeln war winzig. Aber allein, dass ich einen Moment in die falsche Richtung gegangen bin, hat dazu geführt, dass ich jemanden verletzt habe. Und das will ich nicht.
Warum fühlt sich Alleinsein so schwer an, obwohl man es selbst gewählt hat?
Weil der Preis auf beiden Seiten liegt. Wer allein bleibt, verzichtet auf Nähe, Körperlichkeit und geteilte Momente. Wer sich aus Bedürftigkeit auf das Falsche einlässt, verzichtet auf sich selbst und entfernt sich von dem, was er eigentlich sucht. Beides tut weh. Der Unterschied ist, welcher Schmerz einen weiterbringt.
Wenn du den Preis der Selektivität zahlst, dann darfst du auch auf den Preis in die andere Richtung schauen. Es ist ja nicht nur: Ich bin allein, ich habe keinen Sex, keine Körperlichkeit, keine Emotionalität, vielleicht keine schönen Momente und keine Zweisamkeit. Dagegen steht: Ich komme meinem Ziel nicht näher. Ich verrate mich. Ich schlucke einen Kompromiss, den ich gar nicht möchte. Das löst einen ganz anderen Schmerz aus. Je bewusster ich mir dessen geworden bin, desto richtiger konnte ich entscheiden. Und ich habe mich immer mehr für die Einsamkeit entschieden.

Erst wenn ich bereit bin, diesen Schmerz auszuhalten, den Impulsschmerz, die Leere, bekommt Selektivität überhaupt einen Raum. Sie passiert aus Selbstliebe, aus Selbstachtung, aus dem Bewusstsein, den eigenen Weg wahrhaftig zu gehen. Der Ort, der Moment und das Leben, das ich ersehne, sind in mir so konkret und so präsent geworden, dass ich nicht mehr bereit bin, den anderen Preis zu zahlen. Daraus ergibt sich der Preis der Selektivität: sich selbst genug zu sein, allein sein zu können und es zu genießen, allein auf Konzerte zu fahren, allein in die Sauna zu gehen, den Alltag allein zu bewältigen. Diese Unabhängigkeit, diese Bereitschaft, das Leben anzunehmen, führt dazu, dass du frei wirst. Beliebigkeit hat mich meine Tiefe gekostet. Selektivität kostet mich Gesellschaft. Ich weiß, welchen Preis ich lieber zahle.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
