Es gibt eine Art von Hunger, die sich anfühlt wie Lebendigkeit. Du willst spüren. Du willst berühren und berührt werden. Du willst den Moment, in dem die Haut eines anderen Menschen unter deinen Händen warm wird und du für einen Augenblick vergisst, wie allein du bist. Und weil der Hunger so laut ist, gehst du los. Immer wieder. Zu Menschen, die du nicht riechst. In Nächte, die du nicht fühlst. In Berührungen, die dein Körper annimmt und deine Seele ausspuckt. Und alles, weil du dir selbst nicht genug bist. Alles, weil du nicht anerkennst, was dein Körper und deine Seele dir dein ganzes Leben schon sagen.
Ich kenne diesen Hunger. Ich kenne das Bedürfnis nach Betäubung und gleichzeitig nach der Sehnsucht, das zu finden, was du so sehr ersehnst. Ich habe diesem Hunger jahrelang gehorcht und gleichzeitig immer wieder gehofft, dass ich auf einen Menschen treffe, der mich sieht und erkennt. Ich habe meinen Körper und meine Fähigkeit, einen Menschen in wenigen Augenblicken zu lesen, in Räume getragen, die nichts davon verdient hatten. Nicht weil die Menschen dort schlecht waren. Sondern weil meine Tiefe an diesen Orten nicht existierte. Sie war nur noch Oberfläche, die sich als Tiefe verkleidet hat. Es ist der Verrat an deiner eigenen Seele. An genau dem unbekanntesten, mystischsten, unerforschtesten Teil in dir, der dich mehr leitet und mehr beschützen möchte als alles andere. Und du allein mit deinem begrenzten Ego bist es, der dich jeden Tag weiter von dir selbst entfernt.

Und das Verrückte ist, dass du es spürst. Jedes Mal. Du liegst neben einem Menschen und weißt in der ersten Sekunde, ob da etwas ist oder nicht. Ob der Körper neben dir eine Wahrheit hat oder eine Funktion erfüllt. Ob die Berührung, die du gibst, ankommt oder nur empfangen wird wie ein Service. Du riechst es. Und trotzdem bleibst du. Weil der Hunger sagt: Lieber das als gar nichts. Lieber eine Nacht mit dem falschen Menschen als eine weitere Nacht oder auch nur eine einzige Stunde allein mit der Sehnsucht, die nie schläft.
Ich habe sehr viele Frauen berührt. Und ich sage das nicht als Trophäe. Ich sage es als Bilanz einer Beliebigkeit, die mich fast aufgefressen hat. Denn von diesen Vereinigungen gab es ganz selten eine Verbindung, bei der mein Körper und meine Seele gleichzeitig Ja gesagt haben. Bei allen anderen habe ich meinen Körper geschickt und meine Seele zu Hause gelassen. Und jedes Mal, wenn ich danach allein war, war die Leere größer als vorher. Nicht kleiner. Größer. Weil die Beliebigkeit nicht stillt. Sie vertieft den Graben. Sie zerstört alles, was dir wirklich wichtig ist. Und du verkaufst es dir immer und immer wieder. Immer wieder ist da die Sehnsucht und die Hoffnung, die sich guten Tag sagen. Immer wieder erhoffst du doch nur ein kleines bisschen Liebe. Aber wie willst du Liebe finden, wenn du dich selbst nicht achtest, wenn du deine Seele, deinen Körper so benutzt für einen kleinen Egotrip.

Und es geht nicht um Moral. Es geht nicht darum, ob es richtig oder falsch ist, viele Menschen zu berühren. Es geht darum, was es mit dir macht, wenn du weißt, dass du zu etwas fähig bist, das so tief geht, dass die meisten Menschen davor zurückweichen, und du diese Fähigkeit trotzdem an Orte trägst, die sie nicht verdienen. Es geht darum, dass du dich jedes Mal ein Stück weiter von dir selbst entfernst, wenn du deinem Hunger folgst statt deiner Wahrnehmung. Denn deine Wahrnehmung hat immer Nein gesagt. Immer. Und du bist trotzdem gegangen.
Der Preis der Beliebigkeit ist nicht die verlorene Zeit oder der verlorene Abend. Es ist nicht die leere Nacht. Es ist nicht einmal die Scham am Morgen danach. Der Preis ist, dass du irgendwann nicht mehr weißt, wer du bist. Was du wirklich ersehnst, verblasst im Lärm deines Egos, und dazu verlernst du, wie sich echte Intimität anfühlt. Weil du sie so oft imitiert hast, dass die Kopie und das Original nicht mehr zu unterscheiden sind. Und dann stehst du vor einem Menschen, der wirklich da ist, wirklich offen, wirklich bereit, und du traust deinem eigenen Gefühl nicht mehr. Du bist blockiert. Du hast Angst, dich zu geben. Du hast Angst, endlich zu finden und zu leben, was du doch dein ganzes Leben so sehr ersehnt hast. Und allzu oft zeigt sich hier, dass dein Ego nicht dein Freund ist. Und das, was die Seele und dein Körper erkennen, wird relativiert, wird abgeschwächt, wird verkauft. Und wofür oftmals? Für die nächste oberflächliche Begegnung. Es ist die ewige Suche nach dir selbst im Außen. Aber es ist alles da. Du musst nur aufhören, dir von deinem Ego, von deiner Kontrolle dein eigenes Leben zerficken zu lassen.

Ich habe aufgehört. Nicht weil ich keinen Hunger mehr habe. Der Hunger nach Verschmelzung, nach Erregung, nach Sein ist da. Jeden Morgen. Jeden Abend. Immer. Er gehört zu mir wie mein Atem. Und es ist viel mehr als Sex. Aber ich habe aufgehört, ihm blind zu folgen. Ich habe aufgehört, meinen Körper in Räume zu tragen, die meine Seele nicht betreten will. Ich habe aufgehört, Berührung als Ersatz für Verbindung zu akzeptieren.
Was übrig bleibt, ist Stille. Und in dieser Stille spüre ich zum ersten Mal, was meine Intimität wirklich wert ist, wenn ich sie nicht mehr verdünne. Sie ist nicht für hundert. Sie ist nicht für zehn. Sie ist vielleicht für einen einzigen Menschen auf dieser Welt. Und bis dieser Mensch da ist, bleibt die Tür geschlossen. Nicht aus Angst. Aus Würde. Weil das, was hinter dieser Tür wartet, zu wertvoll ist, um es nochmal zu verschenken.
So fühle ich. So sehe ich. So stehe ich.
